Ein letztes Mal das Schwesternthema | Neue Braunschweiger
11. Mai 2015
Kulturelles

Ein letztes Mal das Schwesternthema

Regisseurin Margarethe von Trotta kam zur Vorstellung ihres aktuellen Films „Abhandene Welt“ ins C1 Cinema

Margarethe von Trotta beantwortete im Gespräch Fragen des Publikums. Foto: André Pause

Von André Pause 11.05.2015.

Braunschweig. In ihrem aktuellen Film „Abhandene Welt“ verhandelt Margarethe von Trotta ein weiteres Mal das Schwesternthema. Dieses Mal jedoch sehr viel direkter als mit „Bleierne Zeit“ oder „Balance des Glücks“. André Pause hat bei ihrem Besuch im C1 Cinema mit der Regisseurin gesprochen.

? Frau von Trotta, Ihr neuer Film „Abhandene Welt“ verhandelt ein Stück eigene Erlebniswelt. Nach dem Tod Ihrer Mutter haben Sie von Ihrer 15 Jahre älteren Schwester erfahren, weil sie Ihnen schrieb. Was war das für ein Moment, was haben Sie damals gedacht und gefühlt?

! Zunächst war ich froh, dass mir jemand schrieb, eine Person noch was über meine Mutter wusste oder wissen will. Ich dachte, vielleicht erzählt sie mir etwas, dass ich noch nicht weiß. Ich habe aber niemals vermutet, dass sie mir zurückschreibt: Ich bin Ihre Schwester. Ich dachte, dass sie in der Vergangenheit vielleicht eine Reise mit ihr gemacht hat, dieses oder jenes erlebt hat. Als sie auf einmal sagte: Ich bin Ihre Schwester, war das natürlich ein ziemlicher Schock.

? Wie sind Sie mit der Situation umgegangen, haben Sie den Kontakt zur Schwester gesucht?

! Ja, natürlich. Sofort haben wir uns getroffen, in Wiesbaden. Der zweite Schock war dann, dass sie meiner Mutter viel ähnlicher sah als ich. Das war wie eine Wiederauferstehung meiner Mutter. Auch wenn meine Mutter zum Schluss natürlich viel älter war als meine Schwester in diesem Moment. Aber ich hatte noch diese Erinnerung an die 50er Jahre, und da sah sie meiner Schwester viel ähnlicher als ich ihr je ähnlich gesehen habe. Und das ist im Film ja auch der Fall.

? Würden Sie anderen Menschen raten, in dieser Situation ebenso zu verfahren, oder könnten Sie sich vorstellen, dass man den Kontakt nicht sucht?

! Doch, das kann ich mir auch vorstellen, weil man selber nicht aufgewühlt werden will. Wenn man die Emotionen scheut, und es gibt ja viele Menschen, die Angst vor Emotionen oder Erschütterung haben – das sind meistens die Männer – dann verstehe ich, dass jemand diese Erschütterung einfach nicht erleben will. Davor habe ich aber keine Angst. Ich will Dinge wissen, bin viel zu neugierig und ich denke: Ich werde schon damit fertig.

? Ich habe im Alter von 25 Jahren von meiner Halbschwester erfahren …

! Ach ja?

? Meine Mutter hat es mir erzählt, die Tochter allerdings ist die meines Vaters. Ich habe es bislang vorgezogen, mit ihr keinen Kontakt aufzunehmen. Nichtsdestotrotz hat mich die Situation im Film natürlich ein wenig an meine eigene Situation erinnert.

! Und Sie sind nicht zu dem Schluss gekommen, Sie sollten sich doch mal melden?

? Meine Schwester hat in diesem Fall meinen Beruf ergriffen und recherchiert, weil es ihr keine Ruhe gelassen hat. Ich hatte und habe bis heute wahrscheinlich Angst.

! Ich könnte mir vorstellen, dass, wenn der Vater derselbe ist, dies nicht so wichtig ist, als wenn die Mutter dieselbe ist. Man kommt einfach aus demselben Bauch. Das ist, glaube ich, noch intensiver. Stellen Sie sich mal vor, das wäre ein Kind Ihrer Mutter gewesen. Hätten Sie da vielleicht anders reagiert?

? Das könnte sein …

! Gerade in den ersten Jahren ist man mit der Mutter ja viel mehr verbunden, als mit dem Vater. Das kommt ja später, wenn man ein bisschen älter ist. Dieses Ur-Gefühl hat man ja eigentlich nur der Mutter gegenüber. Dass da irgendwann schon jemand anderes an der Brust hing. Das ist etwas anderes.

? Sie haben sich Zeit gelassen, dieses heikle Thema in dieser Form umzusetzen. Den ersten Kontakt zu Ihrer Schwester gab es 1979. Haben Sie diese Zeit für sich gebraucht?

! Genau. Das braucht seine Zeit, bis man bereit ist, so viel von sich selbst preiszugeben. In all meinen anderen Filmen bin ich auch mit drin, aber es geht um andere Personen. Jeder Film, den man macht, hat irgendetwas mit einem selber zu tun. Selbst ein Film über Rosa Luxemburg. Bei allem, was man liest, holt man sich natürlich die Informationen heraus, die einem selber als Charaktereigenschaften bekannt sind. Hier musste ich den Schleier fallenlassen, während bei den anderen Filmen keiner merkt, wo ich bin. Das kann man ja wunderbar verbergen.

? Ist das vielleicht ein Grund dafür, dass der Film an einigen Stellen etwas konstruiert wirkt? Da ist die Operndiva, der Agent verliebt sich ausgerechnet in die Tochter und so weiter. Braucht es dieses Brimborium, um diese Geschichte so zu erzählen, oder hätte ein schlankerer Plot nicht auch seinen Dienst getan?

! Hätte natürlich, aber ich wollte mit den beiden Frauen die Gelegenheit geben, ihr Talent als Sängerin vorzuführen. Sie sind ja beide nicht nur singende Schauspielerinnen, sondern haben ein zweites Leben als Sängerinnen. Katja (Riemann) hat lange Zeit eine Band gehabt und Barbara (Sukowa) ist seit Jahrzehnten unterwegs mit klassischer Musik. Dass ich das einmal zusammenfüge in einem Film, und die beiden auch zusammenbringe, das fand ich spannend.

? Eine zweite Sache, die ich mich gefragt habe: Was wollen die Charaktere eigentlich? Was genau will der Paul, wo will er hin, er ahnt ja, dass es eine für ihn bittere Pille zu schlucken geben wird? Man merkt ihm das aber manchmal nicht an.

! Dann haben Sie aber nicht gut hingeguckt! Das merkt man ihm ganz gewiss an. Schon allein, wenn die Tochter ganz am Anfang, wo sie das Bild im Internet sehen, fragt: Was denkst Du? Und er sagt dann: Und Du? Dabei guckt er sie ganz intensiv an, weil er denkt: Vielleicht hat die Mutter ihr ja ein bisschen mehr erzählt. Das ist ein Moment, in dem man genau spürt, dass er Angst vor ihrer Antwort hat.

? Ist das Schwesternthema mit diesem Film abgearbeitet, oder kommt nun vielleicht doch noch etwas nach?

! Nein, das ist für mich jetzt vorbei. Ich habe das Gefühl, der erste Film war die Andeutung, die Vermutung. Ohne es zu wissen, habe ich unterbewusst wohl schon etwas gespürt. Jetzt ist es damit abgetan.

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