Ein schneller Griff führt ans Ziel | Neue Braunschweiger
16. November 2013
Tipps

Ein schneller Griff führt ans Ziel

Rote Karte gegen zu viel Sorglosigkeit – Polizisten zeigen Passanten, wie leicht Diebe es haben.

Die Bundespolizisten Melanie Böttcher, Markus Kühling und Oliver Geske spielten vor, wie die Masche mit dem Stadtplan funktioniert. Fotos: Daniela Nielsen

Von Marion Korth, 17.11.2013.

Braunschweig. In der Vorweihnachtszeit feiern Taschendiebe fröhliche Feste. Die Polizei will es ihnen etwas schwerer machen und veranstaltete am Freitag eine Aufklärungsaktion in den Schloss-Arkaden.

Die Statistik spricht eine klare Sprache: Mit dem Gedränge in Geschäften und auf dem Weihnachtsmarkt steigt die Zahl der Taschendiebstähle. Im Juni und Juli waren es 48 beziehungsweise 42 angezeigte Diebstähle, im September dann schon 69, im Oktober 78.
Die aus vier Beamten bestehende Ermittlungsgruppe Taschendiebstahl möchte Menschen für das Thema sensibilisieren, damit sie Dieben durch ihre Sorglosigkeit kein allzu leichtes Spiel machen. Dafür holten sie sich nicht nur Unterstützung von Bundespolizisten aus Bremen, sondern griffen auch selbst zu ungewöhnlichen Mitteln, indem sie selbst als „Taschendiebe“ zu Werk gingen.
Jens Zeiler und sein Kollege Heinz-Werner Laue wechseln die Seiten. Aus Polizisten werden im dienstlichen Auftrag „Diebe“. Glück für die Opfer: Wenn die beiden sich angeschlichen haben, dann ist hinterher nicht das Portemonnaie weg, sondern eine rote Warnkarte da: „Vorsicht! Ihr Verhalten begünstigt Taschendiebstahl!“
Am Freitag gingen die Polizisten der Ermittlungsgruppe Taschendiebstahl auf Pirsch, um allzu sorglose und ahnungslose Passanten darauf hinzuweisen, wie einfach sie es Taschendieben machen. Die Frau am Schlachterstand ist ehrlich erschrocken, wie schnell das geht: Heinz-Werner Laue lenkt sie ab, während Jens Zeiler schon den Reißverschluss ihres Rucksacks aufgezogen hat. Taschendiebe hätten bei ihr leichtes Spiel, ebenso wie bei Hunderten anderen, überall fällt der Blick auf Rucksäcke, geöffnete Taschen, abgestellte Tüten, abgelegte Mäntel. Die Schlossarkaden waren für die Aufklärungsaktion ein gut gewählter Ort, noch ein paar Tage, dann kommt das Weihnachtsgeschäft richtig in Fahrt, und bekommen Jens Zeiler und seine Kollegen jede Menge zu tun. 78 Taschendiebstähle waren es allein im Oktober. Die Dunkelziffer liegt viel höher, weil mancher Diebstahl lange unentdeckt bleibt, oder die Opfer lieber verschweigen, dass sie übertölpelt worden sind (besonders, wenn das in der Nähe der Bruchstraße geschehen ist). In Braunschweig mehren sich neuerdings die Fälle, in denen vorzugsweise angetrunkene Männer auf der Partymeile am Kalenwall oder nahe der Bruchstraße gezielt in regelrechte „Freudentänze“ verwickelt, eingehakt und herumgeschwenkt werden. Die Freude ist einseitig, erst in der Nacht zu Freitag ist so ein Mann um sein Portemonnaie mit 700 Euro Bargeld erleichtert worden.
Unverhofft und hochwillkommen hat die Ermittlungsgruppe am Freitag Verstärkung von Kollegen der Bundespolizei aus Bremen bekommen, die eindrucksvoll in Spielszenen vormachen, mit welchen Maschen die Diebe vorgehen. Mal wird „versehentlich“ eine Jacke beschmutzt, die dann natürlich gleich abgewischt (und durchsucht) wird, dann wird nach dem richtigen Weg gefragt und der Stadtplan so auf dem Tisch im Café ausgebreitet, dass der „orientierungslose“ Dieb hinterher auch gleich das darunterliegende Smartphone mitnehmen kann. In Bremen haben es Polizeihauptmeister Reiner Holitschke und seine Kollegen vor allem mit Gepäckdiebstahl auf dem Bahnhof zu tun, manche Banden operieren nicht nur bundesweit sondern international, kommen in Bremen oder anderswo an, fahren danach vielleicht nach Braunschweig, tauchen später in Norwegen und Frankreich auf. Der Austausch von Erkenntnissen und Daten zwischen Bundes- und Landespolizei ist unverzichtbar bei der Ermittlungsarbeit, besonders in einem Bereich, in dem die Beweislage meist mager, die Aufklärungsquote gering ist, bei nur rund fünf Prozent im Bundesschnitt und neun bis zehn Prozent in Braunschweig liegt. Reiner Holitschke freute sich über die vielen Passanten, die sich am Freitag für die Hinweise der Polizei interessierten und sie sich hoffentlich zu Herzen nehmen. Die Ermittlungsarbeit im Bereich der Taschendiebstähle bleibt so oder so „ein Kampf gegen Windmühlenflügel“, aber es sei immer wieder schön, wenn es dann doch gelingt, einen Täter auf frischer Tat zu ertappen und einer alten Frau ihr Portemonnaie wieder zurückgeben zu können.

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