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Ein „Wachposten“ im Winterschlaf

Säuleneichen vor den Torhäusern am Wendentor: Eine ist grün, die andere sieht aus wie tot

Was ist nur mit der Säuleneiche am Wendenwehr los? Sie ist kahl, während ihr Gegenüber (vorn) bereits blüht. Marion Korth

Innenstadt. Was ist nur mit der riesigen Säuleneiche am Torhaus am Wendentor los? Ist sie krank? Im vergangenen Sommer vielleicht vertrocknet? Während ihr Gegenüber schon erste Blätter hat und bereits blüht, ist sie noch komplett kahl, sieht aus wie tot. Bei näherem Hinsehen dann Erleichterung: Auch dieser Baum hat Knospen angesetzt und wird später austreiben.

Wenn es stimmt, dass es unter den Menschen Lerchen und Eulen, also Frühaufsteher und Nachtliebhaber gibt, dann gilt das vielleicht auch für Bäume. Wir fragten bei der Stadt nach, ob die Experten vom Stadtgrün eine Erklärung dafür haben, warum die eine Säuleneiche so spät oder die andere so früh dran ist.

Bei unserem vermeintlichen Sorgenkind, das noch kahl und ohne Laub vor dem Torhaus Am Wendentor 3 steht, handelt es sich um einen ganz besonderen Baum. Schon vor 60 Jahren wurde die Säuleneiche als Naturdenkmal unter Schutz gestellt. Nach Auskunft der Stadt schätzen die Experten des Fachbereichs Stadtgrün und Sport das Alter dieser Eiche auf circa 180 Jahre.

Naturdenkmal seit 1959

Die Begründung: Der Bereich, in dem sie steht, wurde im Rahmen der Schleifung der Braunschweiger Befestigungswälle angelegt. Historische Karten Braunschweigs von 1765 zeigen ihn noch nicht. In einer Karte von 1876 ist der Bereich schon als Platz vor den Torhäusern dargestellt. Die Schleifung der Befestigungswälle war 1835 abgeschlossen. Kurz nach dem Abschluss wurde sicherlich auch diese Eiche dort gepflanzt. Die Eiche vor dem anderen Torhaus Am Wendentor 2, steht nicht unter Schutz. Sie hat einen geringeren Stammumfang als das Naturdenkmal. Daher ist davon auszugehen, dass diese Eiche irgendwann einmal ersetzt wurde. Ihr Alter wird auf rund 80 bis 100 Jahre geschätzt.

Der spätere Austrieb in diesem Jahr ist keine Besonderheit. „Der ältere Baum treibt schon seit Jahren immer etwa zwei Wochen später aus als der jüngere“, teilt Pressesprecher Rainer Keunecke auf unsere Anfrage mit. Im weiteren Verlauf des Jahres sei dann bei den Bäumen kein Unterschied in der Belaubung mehr zu erkennen. Für den unterschiedlichen Austrieb gebe es mehrere Erklärungsmöglichkeiten.

Das Alter: Das Wachstum von Bäumen stagniert in der Alterungsphase. Der jüngere Baum ist eher der Reifephase zuzuordnen. Daher kann es sein, dass aufgrund der noch stärkeren Wuchskraft der jüngere Baum zuerst austreibt. Das ist aber eine Vermutung und nicht beweisbar.

Die Erbanlagen: Auch eine Veränderung der Erbanlagen durch Mutation in geringem Umfang könnte den früheren Austrieb der jüngeren Eiche begründen. Alle Säuleneichen sollen Nachkommen der Schönen Eiche aus Harreshausen in Hessen sein. Diese Annahme gilt als gesichert.

Dieser Baum soll um das Jahr 1450 als natürliche Knospenmutation der Stieleiche gekeimt haben. Er ist schon lange Zeit als Besonderheit bekannt und wurde ab circa 1795 durch die Abnahme von Reisern regelmäßig vermehrt. Diese Pflanzen wurden in ganz Europa vornehmlich durch die Fürstenhäuser als Geschenke verbreitet. Die ältere Eiche, die noch nicht ausgetrieben hat, ist nach Einschätzung der Experten direkter Nachkomme der Schönen Eiche.
Die bereits ausgetriebene Eiche könnte hingegen von einer Mutterpflanze stammen, die vielleicht in einer wärmeren Gegend stand oder noch heute steht. Der frühere Austrieb könnte somit genetisch gespeichert sein. Aber auch das ist eine Vermutung.

Es handelt sich bei beiden Bäumen übrigens um Quercus robur „Fastigiata“ (Säuleneiche) in der ursprünglichen Form. Heutzutage wird wird fast ausschließlich Quercus robur „Fastigiata Koster“ gehandelt, die erst seit den 1960 Jahren gezüchtet wird.

Die vordere, jüngere Säuleneiche ist schon grün. Ihr Gegenüber, ein Nachkomme der Schönen Eiche, noch nicht.
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