11. Juli 2021
Kultur

Eine Frau, eine Entscheidung, eine Tat

Großartige Oper auf dem Burgplatz – Giacomo Puccinis „Madama Butterfly“ erzählt hier von der Kraft starker Frauen

Das Staatstheater präsentiert „Madama Butterfly“ als Burgplatz-Open-Air. Foto: Bettina Stoess/Staatstheater Braunschweig

Burgplatz. Wie im richtigen Leben. Es lässt sich nicht anders sagen: Am Ende richten es die Frauen. Während der Mann, der das ganze Elend angerichtet hat, hilflos die Schultern zuckt und nicht mehr weiter weiß. Giacomo Puccini hat in seiner „Madama Butterfly“ einige seine Geschlechtsgenossen gut erkannt und skizziert. Beziehungsweise hat Regisseurin Andrea Schwalbach ihren Fokus auf die Stärke der Frauen gelegt.

Hochdramatisch ihre Inszenierung: Eine zu Tränen rührende Liebe, Musik (das Staatsorchester traumhaft fein unter Srba Dinic ), die so schön und klar über die Burgplatzarena schwingt, ein Abend, der bewegt. Wobei – mit so einer alles umfassenden, fast alles niederwalzenden Liebe, wie sie Cio-Cio-San alias Butterfly ihrem amerikanischen Traummann entgegenbringt, muss Mann erstmal umgehen können. Benjamin Franklin Pinkerton jedenfalls (an diesem Abend mit enormer Strahlkraft gesungen und herrlich überfordert gespielt von Yavier Moreno) begreift viel zu spät, um was es hier wirklich geht. Um die tiefen Gefühle einer Frau.

Anders als der amerikanische Konsul Sharpless (Maximilian Krummen, mit verführerischem Bariton, dazu sehr gut aussehend, warum eigentlich wählt Butterfly nicht ihn?), der sehr früh versteht – und dieses Verstehen im Suff versenkt – was da gerade mal wieder angerichtet wird: Die stationierten Amerikaner heiraten nach japanischem Gesetz. Für 999 Jahre, aber jederzeit kündbar. Folgenlos.

Sharpless warnt, will bewahren und behüten. Vergeblich. Pinkerton hofft auf eine schöne Zeit in Japan, um später „eine richtige Amerikanerin“ zu heiraten, wie er unumwunden zugibt.
Für Cio-Cio-San aber ist er ihr alles. Die große Liebe, die große Chance, der Schlüssel zum Glück. Julie Adams singt diese Gefühle mit einer über alle Oktaven glockenklaren Stimme, die tief im Herzen ankommt. Jeder in der Arena spürt, hier meint es eine Frau ernst. Einwände erreichen sie nicht mehr.
Dienerin Suzuki, eher eine Freundin, scheint dagegen zu ahnen, dass die Sache nicht gut ausgehen wird. Zhenyi Hou begeistert (wie das ganze Ensemble) in ihrer Rolle mit einer bemerkenswert schönen Stimme, dazu kommt ihre moderne, mitunter witzige Art, dem Trauerspiel die Stirn zu bieten.

Sie bleibt bei ihrer Herrin, auch wenn die für ihren amerikanischen „way of life“ von ihrem Glauben abschwört und dabei ihre Heimat verliert. Familie und Freunde wenden sich ab. Aber das macht ja nichts, sie hat ja ihren Traum, der noch heute gefährlich verfängt: Der Ritter auf dem weißen Pferd kommt und nimmt mich mit ins große Glück.
Hier soll der Ritter in Person von Pinkerton mit dem Schiff kommen, auf das Butterfly seit Pinkertons Rückkehr nach Amerika, schon drei Jahre wartet. Mit seinem Kind an ihrer Seite, von dem der Vater noch nichts weiß (entzückend gespielt von Carlotta Ruiz Briceno). Ein weiteres Pfund in ihrem Plan von Zukunft.

Und er kommt tatsächlich. Immerhin. Aber mit amerikanischer Ehefrau (cooler, ebenfalls perfekt gesungener Auftritt von Jelena Bankovic, die auch ein schickes Kostüm bekommen hat, welche bei den beiden Hauptfiguren nicht so glücklich wirken.) Das Drama ist perfekt, Pinkerton erschrocken, fast ungläubig schaut er auf das von ihm angerichtete Elend, aber tut sich dabei vor allem selber leid. Da hat Cio-Cio-San ihre Entscheidung längst getroffen. Sie ist klug, weiß, dass sie das Spiel verloren hat. Ihrem Kind kann sie den Weg nach Amerika ebnen – indem sie stirbt. Gesagt, getan. Eine Frau, ein Wort, eine Tat. Sehr stark. Tosender Applaus.

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