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„Einfluss von Beratern ist nicht zu unterschätzen“

55 Jahre NB: Peter Vollmann ist Drittliga-Rekordtrainer und kennt die Eintracht und das ganze Geschäft schon seit Jahrzehnten

17. Juni 2019: Peter Vollmann kehrt als Sportdirektor nach Braunschweig zurück. Foto: imago images

Braunschweig. Von 2001 bis 2002 lenkte Peter Vollmann als Trainer die Geschicke von Eintracht Braunschweig und führte die Löwen in die Zweitklassigkeit. 2019 kehrte er als Sportdirektor nach Braunschweig zurück und will zusammen mit Trainer Christian Flüthmann erneut ein Stück positive Eintracht-Geschichte schreiben.

Im NB-Interview blickt der 61-Jährige auf seine Zeit als Eintracht-Trainer zurück und spricht über die Veränderungen im Fußball-Geschäft im Vergleich zu damals und heute.

Herr Vollmann, bereits vor fast 20 Jahren waren Sie schon einmal in Braunschweig tätig. Wie sind Ihre Erinnerungen an Ihren ersten Besuch in der Stadt, und was hat sich im Gegensatz zu Ihrem jüngsten Wechsel zu den Löwen verändert?

Ich war damals als Trainer bei Fortuna Köln tätig. Kurz nachdem ich vom damaligen Manager Dirk Holdorf erstmals kontaktiert worden war, bin ich zum ersten Mal in Braunschweig gewesen um über meinen anstehenden Wechsel zu verhandeln.In der Stadt habe ich bei meiner Rückkehr zahlreiche Dinge wiedererkannt, obwohl sich natürlich auch viel verändert hat. Wenn man im Thema Fußball ist, sieht man natürlich in erste Linie die diesbezüglichen Veränderungen, insbesondere das Stadion und das ganze Drumherum mit Geschäftsstelle, Trainingsgelände und Nachwuchsleistungszentrum. Ferner ist mir direkt ins Auge gefallen, dass dort wo früher die Eishalle stand, mittlerweile ein Schwimmbad zu finden ist.

18. Mai 2002: Trainer Peter Vollmann verzweifelt im Spiel gegen Wattenscheid – erst in der 91. Minute gelang der für den Aufstieg notwendige Sieg durch einen Kopfballtreffer von Thomas Pirunek. Nach neun Jahren war die Eintracht wieder zweitklassig. Foto: Rust/imago

Mit dem dramatischen Zweitliga-Aufstieg 2002 am letzten Spieltag gegen Wattenscheid haben Sie Eintracht aus einer neunjährigen Regionalliga-Depression befreit. Wie haben Sie die damalige Zeit erlebt?

Damals zählte nur der Aufstieg, dementsprechend wurden große Investitionen getätigt. Der Druck war deshalb sehr groß, das hat die Sache nicht einfacher gemacht. Die Mannschaft und alle Verantwortlichen haben die Ruhe in der Saison nie verloren, und wir konnten auch schwierige Phasen so positiv meistern, auch wenn niemand ahnen konnte, dass es am Ende des Tages derartig eng werden würde.

Nach dem Zweitliga-Aufstieg mussten Sie und Dirk Holdorf im Herbst 2002 aufgrund einer Negativserie gehen. Was sind rückblickend die Gründe dafür, dass sich die Saison nach dem 4:2-Auftaktsieg gegen Waldhof Mannheim in die falsche Richtung entwickelte?

Damals waren viele Ressourcen verbraucht, so dass wir uns für die neue Liga nicht wie gewünscht wappnen konnten. Ich habe es nicht nur in Braunschweig, sondern auch beim Aufstieg mit Hansa Rostock erlebt, dass es sehr schwer ist, mit einer Aufstiegsmannschaft in der neuen Spielklasse zu bestehen ohne entsprechende Qualität nachzulegen. Ich wusste bei beiden Vereinen, dass es im September oder Oktober eine Trainerdiskussion gibt, weil es so nicht reichen wird. Am Ende der Saison hat man gesehen, dass trotz Trainerwechsel und Neuverpflichtungen einiges an Potenzial gefehlt hat, um sicher in der zweiten Liga zu bleiben.

Nach Ihrem Abschied aus Braunschweig folgten insgesamt sieben Auf- beziehungsweise Abstiege. Wie haben Sie das Auf-und-Ab der Löwen erlebt, und sehen Sie in Traditionsvereinen mit großem ­Faninteresse einen höheren Druck als in kleineren Klubs?

Die Anzahl der Unzufriedenen kann in fanorientierten Klubs schon größer sein als in kleineren Vereinen.
Niederlagen schlagen in Braunschweig oder Rostock sicher höhere Wellen als in Sandhausen. Unabhängig davon herrscht Druck jedoch überall, entscheidend ist wie der „innere Kern“ eines Vereins damit umgeht. Für einen Trainer kann die Situation in jedem Verein unangenehm werden, wenn einem zum Beispiel jeden Tag ein Mäzen auf den Füßen steht, weil es gerade nicht wie gewünscht läuft, wie er es sich wünscht.

Wie hat sich die aktuelle Spielklasse von Eintracht aus Ihrer Sicht als Drittliga-Rekordtrainer und vorheriger TV-Experte sportlich entwickelt?

Was man beim Blick auf die aktuelle Tabelle feststellt ist, dass die Leistungsdichte ungeheuer groß ist. Es gibt fast kein Mittelfeld, und der Weg von oben nach unten geht schnell, wie man aktuell am Beispiel des 1. FC Kaiserslautern sieht oder bei Eintracht in der vergangenen Saison gesehen hat. Man darf sich in der dritten Liga keine großen Fehleinschätzungen mehr erlauben, weil das verheerende Auswirkungen haben kann.
Als die dritte Liga an den Start ging, habe ich sie extrem positiv wahrgenommen. Wenn man sieht, wie viele Drittliga-Spieler in erster und zweiter Liga landen wird deutlich, dass die Spielklasse ein sehr guter Unterbau geworden ist. Mit ihren hochklassigen Mannschaften und vielen Traditionsvereinen ist die dritte Liga eng an die zweite Bundesliga gerückt.

Dennoch wirkt die Spielklasse insbesondere auf ­finanzieller Seite reformbedürftig. Was könnte aus Ihrer Sicht geschehen um die Klubs zu entlasten, die ja eigentlich in einer Art zweiter Liga außerhalb der DFL ohne entsprechende Fernsehgelder spielen?

Die Zugehörigkeit zur DFL wäre sicherlich ein richtiger Schritt, ist aber aus aktuell nicht realistisch. Eine mehrgleisige dritte Liga würde ich nicht befürworten, auch hätte dies aus meiner Sicht nicht den zuletzt ins Feld geführten positiven Effekt auf den Spitzenfußballs in Deutschland. Stattdessen würde dies auf Kosten der Zuschauerzahlen und vieler interessante Duelle gehen, die wir momentan in dieser Liga sehen. Auch würden die zahlreichen U23-Teams, die dann möglicherweise in zwei oder drei Staffeln auftauchen sicher nicht zur Attraktivität beitragen. Wenn wir nicht zur DFL dürfen, dann sollte uns die DFL bei den Wechseln von Spielern unterstützen, die in die ersten beiden Bundesligen hoch gehen.
Eng mit der dritten Liga verbunden ist ja auch die Frage einer Regionalliga-Reform. Ich würde vier Staffeln mit jeweils einem Aufsteiger dem bisherigen Modell mit fünf Staffeln vorziehen.

Wie haben sich aus Ihrer Sicht die Medien im Fußball-Bereich entwickelt?

Das Internet und dadurch auch die sozialen Netzwerke haben im neuen Jahrtausend zur größten Veränderung beigetragen. Neben dem ­US-Präsidenten melden sich auch ganz normale Fußballer über Twitter, Facebook oder Instagram und äußern ihre Meinung, wodurch Geschehnisse im Fußball auch mit den Fans zusammen nochmals aufbereitet werden.
Auch im TV beschäftigen sich eine Vielzahl von Anbietern mit jeder Kleinigkeit aus den ersten beiden Ligen. In der dritten Liga hat sich sowohl regional als auch überregional ebenfalls viel getan. Der Informationsfluss ist dementsprechend hoch, egal ob die Medien seriös oder unseriös sind. Jeder kann heute irgendeine Geschichte „stricken“ und sie in Umlauf bringen. Dagegen versuchen sich die Vereine natürlich zu wappnen und müssen sich im öffentlichen Raum deutlich vorsichtiger bewegen. Es geht auch hier letztendlich immer um Beeinflussung von Verantwortlichen oder Situationen. Die Frage ob richtig oder falsch stellt sich in vielen Fällen nicht mehr, eine seriöse Differenzierung spielt mehr und mehr eine untergeordnete Rolle.

Welche Veränderungen haben Sie im Bezug auf die Spieler feststellen können, herrscht eventuelle eine größere Karriereorientiertheit als früher?

Wie in der gesamten Gesellschaft haben sich auch die Spieler im Laufe der Zeit verändert. Eine große Veränderung hat im Bezug auf die Berater stattgefunden, die einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf das Geschehen im Fußball haben. Das betrifft sowohl Spieler als auch den Markt an sich. Die Verpflichtung eines Spielers ist komplizierter als früher, weil die Kommunikation fast nur noch über den Berater und kaum mehr über den Spieler selbst läuft.
Auch bietet eine Vielzahl von Beratern ihre Spieler gleichzeitig bei mehreren Klubs an, selbst auf dem Weg zur Unterschrift wird noch mit anderen Vereinen verhandelt, notfalls wird das Ja zum Vertrag einfach zurückgezogen. Es sind natürlich nicht alle Berater so, aber auch nicht wenige. Wer das meiste Geld bezahlt und die besten Zugeständnisse macht, erhält den Zuschlag. Das Schöne kommt dann noch zum Schluss, die Honorare für die Berater dürfen die Klubs begleichen. Wenn diese dann irgendwann mal die Nase voll haben und absagen, ist die Enttäuschung immer riesengroß, weil man sich möglicherweise verzockt hat.

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