Erinnerungen ans geschlossene System – zurück in die Kindheit | Neue Braunschweiger
30. August 2013
Kulturelles

Erinnerungen ans geschlossene System – zurück in die Kindheit

In der BBK-Torhaus-Galerie sind bis zum 22. September Werkzyklen von Harald Schiel zu sehen.

Harald Schiel vor seiner Arbeit „Großes Hochhaus“ aus dem Jahr 2012. Foto: André Pause

Von André Pause, 25.08.2013

Braunschweig. Wie oft haben Männer im besten Midlife-Crisis-Alter plus/minus x diesen Satz als dreikäsehohe Burschen gehört: „Junge, da must Du durch.“ Mehr als einmal bestimmt. Harald Schiel hat gleich seine ganze Ausstellung in der BBK-Torhaus-Galerie so genannt.

Bis zum 22. September sind Arbeiten des in Leer geborenen Künstlers in Braunschweig zu sehen. Die Holzdrucke und Kleinplastiken Schiels spiegeln vermehrt die Themen Kindheit und Lebenslauf. „Aus diesem Rückgriff auf die Jugendzeit beziehe ich meinen Stoff“, sagt der HBK-Meisterschüler von 1990.
Die Ästhetik der Uralt-Hochdrucktechnik, bei der der Druckstock um das erhabene Motiv heruntergearbeitet wird, darf im Ergebnis ruhig mal ein wenig trivial daherkommen. „Da habe ich gar nichts gegen, und ich liebe es grundsätzlich, wenn Geschichten erzählt werden“, meint der Künstler.
Auch der archaische Produktionsprozess komme ihm entgegen. Die körperliche Herausforderung reize ihn ebenso wie der Fakt, dass für die Bildfindung Entscheidungen getroffen werden müssen, die unumkehrbar seien. Somit spiele der Zufall ab und an auch mal eine Rolle, meint Schiel schmunzelnd und deutet auf einen „Verrutscher“ eines Bildes. Für die Dynamik eines Bildes ist ein ungewollter Wegbruch, der eine unerwartete weiße Stelle mit sich bringt, unter Umständen sogar zuträglich. Spannung erzeugt Schiel außerdem durch mehrere sehr ähnliche Druckstöcke, mit denen er seine Arbeiten mehrfarbig anreichert: „Die eigentliche Zeichnung wird zur Schwarzplatte. Die Entscheidungen für weitere Platten fälle ich dann im Anschluss.“
Ihren besonderen Reiz entfachen Schiels Werke vor allem durch die Kombination der althergebrachten Technik mit modernen Inhalten. Zu erleben ist der scheinbare Widerspruch in den Motiven der Serie „Eight Ball“. Die Helden, die hier dargestellt sind, wirken dämonisch und verfügen über bemerkenswerte Fähigkeiten: Einer trägt einen Container mit radioaktivem Material, so stark, dass es ihn ohne Todesfolge zum Leuchten bringt. Das Mädchen wirft einen leise zischenden Blick und hat schlangengleiches Haar. Der kleine japanische Junge hat offenbar ein enorm vergrößertes Gehirn und wohl auch enorm vergrößerte geistige Fähigkeiten. Sein Blick ist abwägend und skeptisch, eine Plakette und ein Kugelschreiber am Hemd weisen ihn als wissenschaftlichen Mitarbeiter aus. Der Vierte im Bunde schleudert Blitze aus seiner Hand, die wie abstrakter Expressionismus aussehen. Die Anmutung der Arbeiten rufen Erinnerungen wach an Science-Fiction-Comics wie Perry Rhodan oder auch an Mangas.
In einem weiteren Werkzyklus zeigt Harald Schiel Kleinplastiken, er nennt sie Fetische. Spielzeuge aus der Kindheit oder Fundstücke vom Wegesrand sind fest mit Draht umwickelt. Jedes Bündel enthält eine alte Uhr („vom Flohmarkt“) und wird damit zum kleinen Organismus. „Die Form ergibt sich beim Machen“, sagt der Künstler, der den Betrachter sowohl durch den zugrunde liegenden Fertigungsprozess als auch durch die Präsentationsform in die Welt des kindlichen Denkens befördert beziehungsweise zurückwirft. Die Plastik als Symbol des geschlossenen Systems Kindheit. Dies anzuschauen, macht glücklich und wehmütig, ist hart und schön zugleich. Aber, lieber Besucher: Da musst Du durch.

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