„Es geht oft viel mehr, als die Patienten selbst glauben“ | Neue Braunschweiger
8. August 2020
Gesundheit

„Es geht oft viel mehr, als die Patienten selbst glauben“

Elke Paschek und Dr. Oliver Marschal sind überzeugt von der Onkologische Trainingstherapie: Mehr Lebensqualität und bessere Prognosen

Möchten auf die positive Wirkung der Onkologischen Trainings- und Bewegungstherapie aufmerksam machen: Elke Paschek und Dr. med. Oliver Marschal. Foto: Stefanie Druschke

Braunschweig. Auf der einen Seite die Diagnose Krebs und auf der anderen Seite das Thema Sport. Der erste Impuls: Wie geht das zusammen? Sehr gut, sagen Elke Paschek und Dr. Oliver Marschal – beide stehen und werben in Braunschweig für die Onkologische Trainings- und Bewegungstherapie (OTT).

„Sport tut gut, insbesondere dann, wenn es einem mal nicht so gut geht. Sport während oder nach einer Krebserkrankung macht da keine Ausnahme, ganz im Gegenteil“, sagt die zertifizierte Onkologische Trainings- und Physiotherapeutin Elke Paschek. Sie ist Mitinhaberin des Sportstudios Injoy, wo das integrative Training für Patienten, die sich in einer Krebstherapie oder der Nachsorge befinden, seit rund sechs Jahren angeboten wird. Und zwar in enger Zusammenarbeit mit der Onkologischen Schwerpunktpraxis von Dr. Marschal, dem Herzogin-Elisabeth-Hospital HEH und der Sporthochschule Köln. „Wir arbeiten nach deren Leitlinien“, sagt Paschek, die sich in Köln auch für dieses spezielle Training ausbilden und zertifizieren ließ: „Als ich davon erfuhr, wusste ich gleich, das machst du, das ist das Richtige“, erzählt Paschek. Die OTT im Injoy wurde sogar ausgezeichnet – mit dem Förderpreis 2018 der Niedersächsischen Krebsgesellschaft. In Niedersachsen bieten ansonsten nur noch die Medizinische Hochschule Hannover und die Habichtswaldklinik in Kassel dieses Training an.

Inzwischen sei wissenschaftlich längst bewiesen, dass Sport das Krankheitsbild positiv beeinflusse, sagt Elke Paschek. Während Krebspatienten noch vor zehn Jahren ins Bett gepackt wurden, und sich schonen sollten, wisse man heute: „Ohne Bewegung geht nichts. Sie ist die beste Medizin.“
Das kann Karin Wehner nur bestätigen. Im April vergangenen Jahres bekam die 61-jährige Braunschweigerin nach dem Mammographie-Screening die Diagnose Brustkrebs. Es folgten Strahlentherapie und eine Reha-Maßnahme. Im März dieses Jahres hat sie mit OTT angefangen: „Die Müdigkeit hat sich verbessert, körperlich geht es mir auch besser. Es tut mir sehr gut und ich mache auf jeden Fall mit dem Training weiter.“ Der innere Schweinehund habe ohnehin keine Chance: „Elke kontrolliert das“, sagt Wehner schmunzelnd.

Die Onkologische Trainings- und Physiotherapeutin Elke Paschek leitet Karin Wehner bei ihren Übungen an. Foto: Stefanie Druschke

Weil jede Art von Krebserkrankung andere Symptome und Problematiken mit sich bringt, wird die OTT auf jeden Teilnehmer und seinen körperliche Verfassung ganz individuell angepasst. Neurale Ausfallerscheinungen, Inkontinenz, schnelle Erschöpfungszustände, die starke Abnahme von Fett- und Muskelmasse – all das wird bei der therapeutischen Anamnese betrachtet. Und das Training wird nur aufgenommen, wenn der behandelnde Arzt die Unbedenklichkeit bescheinigt hat. Der jüngste Teilnehmer ist 13 nach oben sind keine Grenzen gesetzt. Über insgesamt 12 Wochen geht die Onkologische Trainingstherapie, trainiert wird in der Regel zweimal pro Woche. Einmal werden die Kosten dafür übernommen – wenn der Patient „Glück“ hat.

Denn bei der Akzeptanz der OTTs gibt es laut Dr. Marschal „noch großes Entwicklungspotenzial“ bei den Krankenkassen und den ärztlichen Kollegen. Die AOK hebt er lobend hervor, die das Programm voll unterstütze, die Betriebskrankenkassen zahlten auf Einzelfallprüfung, auch Beihilfeberechtigte der Privatkrankenkassen hätten Glück.

Die Wirkung werde leider total unterschätzt. „Leute, die trainieren, leben länger“, bringt er es auf den Punkt. Patienten mit metastasierenden Tumoren hielten die Belastungen der Behandlung viel besser aus. Sie würden nach einem längeren Krankenaufaufenthalt oft schon nach drei, vier Wochen den Status wieder erreichen, den sie davor gehabt hätten. Untrainierte Patienten bräuchten dagegen unter Umständen Monate oder schafften es gar nicht. „Wer fit genug ist, eine Chemo durchzustehen, ist auch fit genug, sich zu bewegen. Es geht oft viel mehr als die Patienten selbst glauben“, hat Marschal festgestellt. Vor allem der psychologische Effekt des Trainings sei nicht zu unterschätzen: „Gerade Männer definieren sich über körperliche Aktivität.“

Bei der Trainingstherapie im Injoy haben die OTT-Teilnehmer ihre feste Gruppe, darüber hinaus gibt es für alle individuelle und ganz unterschiedliche Module: „Manche schaffen eine Einheit von 15 Minuten, andere sind in der Lage eineinhalb Stunden zu trainieren“, sagt Elke Paschek. Was zu viel oder zu wenig sei, dafür habe sie ein gutes Gefühl entwickelt. Es wird deutlich: Die Therapeutin brennt für dieses Thema. „Ich mach’s mit Leidenschaft oder gar nicht – schon immer“, sagt sie. Ihre Schützlinge liegen ihr am Herzen: „Viele sind durch die Krankheit plötzlich sozial isoliert“, hat sie festgestellt. Und so engagiert sie sich oft auch privat noch weiter, hält – „wohl dosiert“, wie sie betont – Kontakt per WhatsApp oder Telefon und macht auch schon mal einen kurzen Besuch. Begleitung auch außerhalb des Trainings – „in einem Fall auch schon mal bis zum Ende“, sagt Elke Paschek leise.

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