10. Juli 2021
Bildung

„Es geht uns nicht um Luxus“

Elternvertreter der OGS Heinrichstraße suchen Unterstützung, um Mängel zu beheben

Eine schöne Schule: Nicht umsonst steht die OGS Heinrichstraße unter Denkmalschutz. Aber das bringt auch Probleme. Eltern wollen mit kleinen Schritten Verbesserungen erreichen. Foto: Privat

Braunschweig. „Es geht uns nicht um Luxus, sondern darum, einen gewissen Standard zu halten“, sagt Markus Wech, der sich gemeinsam mit Brit Liersch den Hut aufgesetzt hat, um als Elternvertreter im Schulvorstand an der OGS Heinrichstraße „ein bisschen was zu bewegen.“ Die brennenden Probleme sind im wahrsten Sinne des Wortes die Temperaturen in den Klassenzimmern, das Thema Lüftung, die kleine Turnhalle.

Die gute Nachricht vorweg: Der zuständige Dezernent bei der Stadt, Holger Herlitschke, hat versprochen, „auf dem kleinen Dienstweg“ mögliche Zwischenlösungen zu prüfen.
„Mit Vorhängen beispielsweise wäre uns ja schon geholfen“, erklärt Marcus Wech. Denn sinnvolle und hilfreiche Außenjalousien sind durch den Denkmalschutz bereits abgelehnt worden.
„Meine kleine Tochter kommt manchmal mit hochrotem Kopf nach Hause“, erzählt Wech auch als besorgter Vater, „aber sie glüht nicht, weil sie tobt oder gerade vom Sport kommt, nein, weil es in den Klassenräumen unglaublich heiß wird.“

Apropos Sport, da liegt an der Heinrichschule gleich das nächste dicke Problem. „Es gibt ein Schreiben, da heißt es wörtlich: Die Lehrer sind zu sensibilisieren, den Wandkontakt zu vermeiden….“, berichtet Wech. Die Halle ist zu klein, die eingezeichneten Felder für die verschiedenen Ballsportarten grenzen zu nah an die Mauern. Warum das jetzt auffällt und jetzt ein Problem wird, können die Elternvertreter nicht erklären. Aber es gab einen Lösungsvorschlag: Die Wände mit Matten als Aufprallschutz abdecken. „Auch dieser Vorschlag scheiterte am Denkmalschutz“, sagt Wech ein wenig ratlos.

„Nach der jüngsten Elternversammlung haben wir uns nur angeschaut und gedacht: Das geht ja gar nicht“, weiß Marcus Wech noch genau, wie und warum er gemeinsam mit Brit Liersch das Heft des Handelns in die Hand genommen hat.
Es soll keine Schuldzuweisungen geben, keine Konfrontation. „Wir wollen einfach nur ein bisschen Bewegung in die Sache bringen, zugunsten der Kinder und der Lehrer“, fassen die beiden zusammen.

„Wir erleben ja, dass ein Schulleiter heute ein Manager und/oder Unternehmer sein muss“, erzählt Wech. Allein die Anforderungen, wann welches Geld wofür, woher und aus welchem Topf zu beantragen sei, gleiche einer Doktorarbeit. „Und wehe, du machst einen Fehler“, weiß Wech, „selbst für die kleinsten Beträge müssen unfassbar komplizierte Anträge gestellt werden, dann wieder werden Summen rausgehauen, da kann man sich nur wundern.“
Die Heinrichschule hat in den Augen der Elternvertreter jedenfalls ganze Problempakete: „Durch abgewetzte Teppichböden schimmert der Estrich, Furniere splittern ab, die Beschaffung neuer Computer gestaltet sich als schwierig, die Internetverbindung ist eine Katastrophe.“ Das ist nur ein Teil ihrer Liste. „Und nun noch Corona“, erzählen sie. Und damit die Frage, wie geht es nach den Sommerferien weiter?

Lösungen in Sicht:

Auch hier kann Holger Herlitschke aber Mut machen. Das Lüftungsthema brennt ihm als Chef im Umwelt-, Stadtgrün-, Sport- und Hochbaudezernat schon länger auf den Nägeln. „Wir hatten bisher drei Optionen, vor denen aber durchweg gewarnt wurde“, sagt er.
Möglichkeiten und ihre Probleme in Stichworten:

1.) Konventionelle Lüftungsanlagen, die Luft ansaugen, filtern, abgeben. Aber: das hilft nur kurzfristig, dann muss der Filter gewechselt werden. Wer soll das tun? Wohin mit den Filtern usw.
2.) UVC-Licht-Entkeimer, das Licht tötet die Keime ab. Funktioniert gut, kostet aber einige tausend Euro pro Gerät. Wie viele Geräte braucht es pro Klasse? Was bedeutet es für die Kinder, die nah an der Ansaugstelle sitzen? Erhöhte Keimgefahr?
3.) Echte Lüftungsanlagen, heißt, ein Gerät mit Kanälen nach außen. Kosten: 37 000 Euro pro Klasse, es gibt in Braunschweig 1400 Klassenzimmer. Außerdem vergleichsweise komplizierte Technik, es braucht Profis für den Einbau und für die Wartung.

Das Göttinger Modell:

„Aber zum Glück gibt es jetzt einen neuen Vorschlag“, erklärt Holger Herlitschke, „das sogenannte Göttinger Modell, für das es auch Förderung geben wird.“ Danach wird eine Fensterscheibe durch eine Dämmplatte ersetzt, in der ein Ventilator Luft ansaugt. Und gegenüber, oder möglichst weit entfernt, eine zweite Dämmplatte mit Ventilator, der Luft abgibt. „So entsteht ein ständiger Strom, die Aerosole werden aus dem Raum transportiert“ erklärt Herlitschke, „ein einfaches, gutes Prinzip, und relativ günstig und schnell umzusetzen.“
Heißt, einer schnellen Umsetzung steht nach Holger Herlitschke nichts im Weg. Vorgesehen ist der Einsatz der Ventilatoren vor allem in den Grundschulen, „da Kinder unter zwölf Jahren noch keine Impfangebote bekommen“, erklärt Herlitschke die Reihenfolge.

Die Sorgen, Wünsche und Nöte der Eltern in Braunschweig kann Herlitschke gut nachvollziehen. Er hat sozusagen einen Sanierungsstau geerbt, der jetzt nur schwer abzubauen ist. „Das Baudezernat war unterbesetzt und unterfinanziert“, sagt er. Das hat sich inzwischen geändert. Wurden vor einigen Jahren noch Projekte im Wert von rund 15 Millionen Euro im Jahr umgesetzt, sind es heute 60 Millionen Euro. Und doppelt so viel Mitarbeiter. Allerdings konnten 17 Stellen noch immer nicht besetzt werden.
Denkmalschutz etwas lockern?

„Es gibt unglaublich viele Problemlagen“, sagt Herlitschke. Zu allem kommt durch Corona noch ein enormer Materialmangel dazu. Aber er sieht auch Lösungen. Als er vor seiner Dezernentenstelle noch stärker in seinem Architektenbüro eingebunden war, hat er mehrere Schulsanierungen durchgeführt. „Ich fände es gut, wenn bei Maßnahmen, die zurückgebaut werden können, auch der Denkmalschutz etwas weniger streng ausgelegt wird“, erklärt er. Dann wäre beispielsweise auch ein Jalousieeinbau möglich.

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