Es gibt immer einen Weg in ein besseres Leben | Neue Braunschweiger
12. Januar 2021
Soziales

Es gibt immer einen Weg in ein besseres Leben

Wunde Füße, kaputte Hände, Hautprobleme: Ärzte kümmern sich ehrenamtlich um Obdachlose. Eine Spende hilft

Véronica Scholz, Barbara Horn und DR. Marco Burger engagieren sich für Menschen in Not. Foto: Ingeborg Obi-Preuß

2000  Euro für Medikamente. Auf den ersten Blick keine gewaltige Summe. Aber – auf den zweiten ein Vermögen. Gespendet wurde es von Veronika Scholz und ihrer Stiftung „PharmHuman“ für den Tagestreff Iglu. Genauer: Für die Menschen am unteren Rand der Gesellschaft. Für die Obdachlosen, die Armen und die  dadurch häufig Unsichtbaren. Hier fließen auch Spenden eher spärlich.

„Chefin“ im Iglu ist Barbara Horn. Sie arbeitet in „dieser Branche“ seit mehr als zwanzig Jahren. Sie hat sich ihr Lachen bewahrt, ihre warme und herzliche Art füllt die Räume im Tagestreff an der Wilhelmstraße. Coronabedingt sind zur Spendenübergabe nur wenig Menschen eingeladen. Nach Wünschen für das neue Jahr gefragt, kommt die Antwort ohne zögern: „Bezahlbaren Wohnraum“, sagt Barbara Horn. Sie kennt zu gut die Spirale der Armut, die Risiken von Scheidung, Arbeitslosigkeit, alleinerziehender Eltern und mehr. Dazu hohe Mieten und knapper Wohnraum. Am Ende einer solchen „Geschichte“ stehen die Menschen häufig auf der Straße – und vor ihrer Tür.

Die Verbundenheit bleibt

„Dann ist der Anfang schon gemacht“, freut sich Horn über jeden, der sich traut, den ersten Schritt ins Iglu zu machen. Sie betont, dass sie und ihr Team bei weitem nicht nur das Elend verwalten, sondern immer wieder auch Wege raus in ein besseres Leben begleiten. Die Kontakte bleiben mitunter. „Wir haben Dinos“, erzählt Horn lachend, „Menschen, die seit 15 Jahren wieder eine eigene Wohnung haben, aber uns noch immer verbunden sind.“ Und selbst wenn es nicht klappt mit einer Wohnung, dann ist die Gemeinschaft und Begleitung, die der Tagestreff bieten kann, eine enorme Hilfe für das Leben ohne Obdach.

Dazu gehört auch ärztliche Betreuung. Dr. Marco Burger und sein Kollege Dr. Rainer Prönneke sind regelmäßig im Iglu. „Wie bieten hier eine Basisversorgung an“, sagt Burger und erzählt von seinen Patienten im Tagestreff, die meilenweit von den Menschen entfernt sind, die der Arzt sonst in seiner Praxis in Broitzem betreut. „Die Männer hier, meist sind es Männer, haben ganz andere Körper“, erklärt der Mediziner, „das jahrelange Leben auf der Straße hat tiefe Spuren hinterlassen. Wir versorgen vor allem Wunden und kümmern uns um Hautprobleme, oft sind die Füße in einem schlimmen Zustand.“ Dazu kommt, dass die Betroffenen sich häufig erst sehr spät mit ihren Beschwerden melden. „Sie haben gelernt, allein zurecht kommen zu müssen“, sagt Burger, „und sie haben sich an Schmerzen gewöhnt.“

Wertvolle Hilfe

Das Geld von „PharmHuman“ leistet wertvolle Hilfe. „Wir kaufen davon Arznei- und Desinfektionsmittel, Verbandsmaterial und ähnliche Dinge“, erklärt Barbara Horn. Denn viele ihrer Besucher haben keine Versichertenkarte. Das bedeutet für die behandelnden Ärzte Ehrenamt. Für Dr. Marco Burger eine Selbstverständlichkeit, schon seit vielen Jahren arbeitet er mit Drogenabhängigen. Auch die sind mitunter nicht versichert. Gemeinsam mit seiner Frau, Dr. Andrea Fürst-Burger, war er unter anderem in Nepal als Arzt im Einsatz. „Die Krankheiten und Beschwerden durch Armut sind weltweit ähnlich“, sagt der Arzt, „deshalb habe ich geahnt, was mich hier erwartet.“ Er wünscht sich, dass die deutschen  Mitbürger deutlicher schätzen würden, was – im Vergleich zu weiten Teilen der Welt – für ein großartiges Gesundheitssystem hier greift. „Denen, die an den Rändern runter fallen, können wir mit relativ geringem Einsatz helfen“, sagt er. „Es sind ja wenige, die können und sollten wir einfach mitbehandeln. Sie sollten eine Versichertenkarte bekommen wie alle anderen auch“, fordert der Arzt. Es sei eine Frage der Haltung.

Auch Veronika Scholz ist von dieser Haltung geprägt. Die Pharmazeutin hat als Apothekerin und Trainerin gearbeitet, in Indonesien und Ecuador gelebt. Inzwischen ist sie Rentnerin und in zweiter Ehe in Braunschweig verheiratet. Bereits 2005 hat sie ihre Stiftung „PharmHuman“ als Treuhandstufung unter dem Dach der Bürgerstiftung Braunschweig gegründet. Ziel ist die Gesundheitsförderung in Deutschland und im Ausland. Das Projekt der ärztlichen Betreuung im Tagestreff Iglu ist wie gemacht für sie und ihr Engagement.

„Wir sind mit dem Angebot im Oktober gestartet und freuen uns sehr, dass durch die Spende der Anfang  gesichert ist“, freut sich Barbara Horn. Sie ist zuversichtlich, dass sich im neuen Jahr noch zusätzliche Unterstützer finden werden. „PharmHuman“ wird vielleicht noch einmal spenden, auch der Lions Club hat gerade mit 10 000 Euro großzügig geholfen.

Aber ein Wunsch für das neue Jahr bleibt: „Die Finanzierung einer Halbtagsstelle für unseren Tagestreff, das wäre ein Traum“, sagt Barbara Horn.

 

 

 

 

 

 

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