12. Dezember 2017
Menschen

„Es gibt viele Menschen, die beigetragen haben“

Die Gründerin des Verein „Wolfsburg hilft“ spricht über ihre Motivation im Kampf gegen die Leukämie

Von Marlen Weber, 12.12.2017

Wolfsburg. Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier hat Petra Neumann-Wollenhaupt vergangene Woche für ihr ehrenamtliches Engagement ausgezeichnet. Im Gespräch mit der NW erzählte sie Näheres zur Arbeit im Verein „Wolfsburg hilft“, und wie sie ihren besonderen Tag im Schloss Bellevue erlebt hat.
?Seit mehr als 20 Jahren engagieren Sie sich ehrenamtlich für Patienten mit Leukämie-Erkrankungen. Was hat Sie dazu motiviert, den Verein „Wolfsburg hilft“ ins Leben zu rufen?

Mein Sohn ist damals mit acht Jahren an Leukämie erkrankt. Im Fernsehen bekam ich dann mit, wie zu einer Typisierungsaktion aufgerufen wurde, und dabei kam mir der Gedanke, ob man das nicht in Wolfsburg ebenfalls durchführen könnte. Zunächst fragte ich Familie und Freunde, ob sie bereit wären, daran teilzunehmen. Und so kam der Stein ins Rollen. Wir gründeten erst eine Initiative, die für einige Wochen existieren sollte. Aber wir merkten sehr schnell, dass wir mit diesem Thema offene Türen einrennen, und immer mehr Familien kamen auf uns zu, die solche Aktionen in anderen Stadtteilen machen wollten. Um flexibler zu sein und Betroffenen schnellstmöglich Hilfe leisten zu können, entschlossen wir uns, die Initiative in einen gemeinnützigen Verein zu überführen.

?Welche Erlebnisse im Rahmen Ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit motivieren Sie für Ihre weitere Arbeit?

Es ist einfach das Gefühl, gebraucht zu werden und zu wissen, dass man oft schon mit ganz kleinen Mitteln für eine riesen Entlastung bei den betroffenen Familien sorgen kann. Es gibt immer wieder Schicksalsschläge, die einem auch nach 20 Jahren den Boden unter den Füßen wegreißen – aber wenn man dann ein Treffen begleitet, bei dem Spender und Empfänger aufeinandertreffen, ist es das Wundervollste, was es geben kann. Die Arbeit birgt allerdings immer zwei Seiten in sich. Wäre mein Sohn damals nicht erkrankt, hätten wir nicht 423 Familien retten können – so viele Echtspender konnten wir in den letzten 20 Jahren typisieren. Diese Doppelseitigkeit zieht sich durch unsere gesamte Arbeit. Das zu akzeptieren hat mir geholfen, mit den Schicksalsschlägen, die natürlich dennoch passieren, besser umzugehen.

?Als Vorsitzende des Vereins wurden Sie bereits mehrfach ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung des Bundespräsidenten persönlich?

Zunächst war für mich klar, dass ich diesen Preis stellvertretend entgegennehme. Es gibt so viele Menschen, die ihren Teil dazu beigetragen haben, dass wir überhaupt so viel erreichen konnten. Der Tag im Schloss Bellevue war unfassbar aufregend und geprägt von einer so harmonischen Stimmung. Ich war wahnsinnig aufgeregt, aber ich hatte das Glück, bei der Verleihung neben Christoph Fetzender sitzen zu dürfen. Er hat mich einfach wieder geerdet, und über den VfL Wolfsburg konnten wir auch kurz quatschen. Diesen Tag hätte ich wirklich nicht verpassen wollen. Intensiv war auch der Kontrast vom strikten Protokoll der Veranstaltung hin zum eigentlichen Treffen mit dem Bundespräsidenten. Neben einer herzlichen Umarmung kam er an unseren Tisch, um meinen Sohn zu begrüßen, der mich begleitete.

?Was umfasst die Tätigkeit des Vereins konkret?

! In der Regel ist es so, dass der Erstkontakt von außen kommt. Unsere Arbeit und unsere Inhalte werden meist über Hörensagen weitergetragen. Unsere Unterstützung geht über Typisierungsaktionen, die Organisation von Treffen für Betroffene, bis zur finanziellen Hilfe, die wir bieten. Diese Krankheit ist sehr langwierig, da kann es für den Einzelnen eine große Herausforderung sein, den betroffenen Angehörigen täglich im Krankenhaus zu besuchen. Da reden wir über finanzielle Schwierigkeiten, aber auch über Kinderbetreuung während eines Krankenbesuchs. Wichtig ist uns, dass wir schnell und flexibel reagieren können und die Krankheit ganzheitlich betrachten.

?Welches sind große Herausforderungen für Sie, und was hilft Ihnen bei der Vereinsarbeit?

Mit Volkswagen haben wir einen starken Partner als Hauptsponsor an unserer Seite, der uns von Beginn an unterstützt hat. Damit wir effektiv helfen können, ist ausschlaggebend, dass wir in den Köpfen der Menschen präsent sind. Dabei hilft uns vor allem die Presse. Wir starten keine großen Marketingaktionen. Das Geld investieren wir lieber direkt in Hilfe für die Betroffenen.
Wir stellen fest, dass die Zahl der Langzeitüberlebenden steigt. Damit ergeben sich für uns neue Aufgabengebiete, und wir müssen uns stets anpassen und entwickeln. Das heißt, wir kümmern uns nun auch vermehrt um weitere Themen, wie den Wiedereinstieg in den Beruf oder die Familienplanung von Betroffenen, die durch die Chemotherapie oft beeinträchtigt wird.

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