4. Dezember 2015
Menschen

„Es ist viel Positives geschehen“

Familie S. kämpft vier Jahren nach Julias tragischem Unfall vor Gericht um Schmerzensgeld.

Susan Tessmann, Vorsitzende des Vereins Tiny-Tots (l.) und Geschäftsmann Sven Schmidtmann unterstützen Anwältin Julia Leip bei ihrem Kampf für die Rechte der elfjährigen Julia H. Foto: A.Pause

Von André Pause, 05.12.2015.

Braunschweig. 150 Reha-Termine, 13 Krankenhausaufenthalte, 60 Narkosen und zwei Ordner mit Krankheitsberichten und -aufstellungen. Das ist die zahlenmäßige Bilanz der elfjährigen Julia H. seit dem 19. Dezember 2011, jenem Tag, an dem die Geschehnisse die Situation ihrer gesamten Familie auf den Kopf stellten.

Lkw riss Mädchen mit

Ein Lastwagen hatte das Mädchen an der Siegfriedstraße übersehen und mit einem der Zwillingsräder vom Fußweg gerissen. Das linke Bein wurde von oberhalb vom Knie ab zerquetscht und mehrfach gebrochen (die nB berichtete mehrmals sehr ausführlich). Weder der Fahrer noch dessen Fuhrunternehmen haben sich bis heute bei Familie S. nach Julias Befinden erkundigt, geschweige denn entschuldigt.
„Ansonsten ist allerdings viel Positives geschehen“, sagt die Rechtsanwältin der Familie, Julia Leip. Wie zum Beweis zieht sie einen Zettel aus ihren Unterlagen hervor, eine ausgedruckte E-Mail von Katrin und Rudolf Schulz, die einen Braunschweiger Sanitärbetrieb führen. Statt an Kunden und Mitarbeiter Weihnachtspräsente zu verteilen, möchten sie nun Geld für Julia spenden.
Eine weitere große Hilfe kommt von Susan Tessmann und ihrem gemeinnützigen Verein Tiny-Tots. Dieser ermöglicht – unterstützt durch Geld, dass im Rahmen der Feier zum 15. Geburtstag des Unternehmens I-Unit Consulting gespendet wurde – der Elfjährigen nach einem ausführlichen Gespräch für vorerst ein Jahr therapeutisches Reiten im Querumer Reit- und Therapiezentrum und sorgte darüber hinaus für die erforderliche Ausrüstung. Der Braunschweigische Gemeinde-Unfallversicherungsverband (GUV), der zunächst für die Zahlungen aufgekommen war, hatte diese ebenso eingestellt wie für Julias Nachhilfeunterricht. Der wurde jetzt von einer ehemaligen Lehrerin, die namentlich nicht genannt werden möchte, angeboten.

Fahrrad bewilligt

Bewilligt hat die GUV dagegen ein behindertengerechtes dreirädriges Fahrrad. „Jetzt können wir am Wochenende mal zusammen raus fahren“, freut sich Mutter Silke über ein kleines Stück Normalität im weiterhin stressigen Alltag (Julias Zwillingsbruder Jonas leidet am Asperger-Syndrom, der große Bruder Jan-Niklas geht studienbedingt mehr und mehr eigene Wege). Den passenden Fahrradschuppen, den wiederum die Borek-Stiftung zusteuerte, hat die Familie in Eigenregie aufgebaut.

Immer noch Schmerzen

Immer sind solche Aktionen allerdings nicht möglich. Aktuell hat Julia wiederkehrend Schmerzen. Viereinhalb Zentimeter beträgt der Unterschied ihrer Beinlängen. Der nächste Termin für eine Untersuchung ist der 24. November. Es ist die Unsicherheit bezüglich des Heilungsstandes, der Rechtsanwältin Julia Leip dazu veranlasst hat, die Klage an das Braunschweiger Landgericht noch in diesem Jahr auf den Weg zu bringen. „Die gegnerische Versicherung hat bislang 50 000 Euro gezahlt. Die jetzige Klage ist eine sogenannte Teilklage mit Feststellungsantrag, gestützt auf ein BGH-Urteil. Schmerzensgeld ist juristisch eine komplizierte Sache. Das beantragt man, und danach wird es ins Ermessen des Gerichts gestellt. Ich habe nun gesagt, dass es mindestens 200 000 Euro sein müssen. Das wird vielleicht in Zukunft noch mehr. Gerade in Fällen, wo die Heilbehandlung noch nicht abgeschlossen ist, möchte man sich den Weg juristisch offenhalten, noch einmal mehr Schmerzensgeld zu fordern“, erklärt die Rechtsanwältin Julia Leip den aktuellen Stand.

Hilfe zurückgeben

Unterdessen haben Silke und Julia H. beschlossen, nach all der Anteilnahme an ihrem Schicksal, etwas von der selbsterfahrenen Unterstützung zurückzugeben. In der Braunschweiger Zeitung las Silke von einem gehbehinderten syrischen Jungen in Gifhorn. „Die GUV hat Julias alten Rollstuhl für abgeschrieben erklärt. Jetzt haben wir die Familie besucht und den Rollstuhl und ein paar Geschenke vorbeigebracht. Außerdem haben wir über Facebook einen Aufruf gestartet. Seit Sonntag sind dadurch unter anderem Bett, Kinderwagen, Fernseher und Kühlschrank zusammengekommen“, freut sich die dreifache Mutter. „Jetzt haben wir auch mal die andere Seite erlebt. Es fühlt sich total gut an, wenn man helfen kann.“ Am Sonntag sollen die Spenden überbracht werden.

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