Fachkräftemangel als Chance

Marion Lenz vernetzt und ermutigt Frauen für Gleichstellung in allen Bereichen

Marion Lenz . Foto : Jörg Scheibe

Innenstadt. 100 Jahre Frauenwahlrecht – Marion Lenz wird die Besucher zu diesem Thema am Dienstag im Städtischen Museum mit auf eine abenteuerliche Reise in die Vergangenheit nehmen (siehe Meldung rechts), die aktuelle Lage beleuchten und einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft werfen. Auch nach 100 Jahren ist die Gleichstellung zwischen Frau und Mann längst keine Selbstverständlichkeit.

Marion Lenz war lange Zeit für die Öffentlichkeitsarbeit im Klinikum zuständig, seit genau einem Jahr ist sie jetzt Gleichstellungsbeauftragte der Stadt. Ein guter Grund, sie zu besuchen. „Wir haben viel erreicht in den vergangenen 100 Jahren, aber es gibt noch jede Menge zu tun“, erklärt sie. Aber sie ist zuversichtlich.
Unter anderem, weil der Fachkräftemangel auch seine guten Seiten hat. Und die sind weiblich. „Arbeitgeber müssen sich zunehmend etwas einfallen lassen, um Frauen stärker anzusprechen“, sagt Lenz. Flexible Arbeitszeitmodelle, bessere Bezahlung für Frauen, bessere Aufstiegsmöglichkeiten – der Arbeitsmarkt ist in Bewegung.
Als Gleichstellungsbeauftragte hat Lenz zunächst dafür zu sorgen, dass das in der Verfassung verankerte Gleichheitsgebot zwischen Frauen und Männern umgesetzt wird, sie achtet unter vielem anderen auf transparente und korrekte Ausschreibungsverfahren, versucht Frauen in Leitungspositionen zu unterstützen beziehungsweise Mitarbeiterinnen zu ermutigen, in Leitungspositionen aufzusteigen.

Denn ein Blick in den Stellenplan der Stadt belegt, dass – wie in den meisten anderen Unternehmen auch – die oberen Etagen von Männern besetzt sind. „Das hat viel mit den sozialen Aufgaben zu tun, die vor allem von Frauen übernommen werden“, erklärt Lenz. „Andere Länder kennen zum Beispiel den Begriff ‘Rabenmütter’ gar nicht“, spricht sie von moralischen Hürden für junge Mütter, frühzeitig in den Beruf zurückzukehren. „Und selbst wenn die Kleinen in der Krippe sind und die Mutter arbeitet, bleibt bei einem Problem, wie beispielsweise Krankheit, meistens die Frau zu Hause.“ Ebenso wie bei der Pflege von Angehörigen ­– die familiäre Verantwortung übernehmen häufig Frauen.

„Eines der Langfristziele ist, das Kinder- und Erziehungszeiten von Frauen und Männern gleichermaßen angenommen werden“, blickt Lenz in die Zukunft. Das setzt voraus, dass Frauen genauso viel verdienen wie Männer, denn sonst reicht das Familieneinkommen meist nicht aus. Doch Frauen, vor allem Mütter, arbeiten oft Teilzeit.
„Es kann schön sein, zu Hause bei den Kindern zu bleiben und es kann auch sinnvoll sein, Teilzeit zu arbeiten“, sagt Marion Lenz, „aber wichtig dabei ist, dass Frauen sich das aussuchen können. Und nicht zu Hause bleiben, weil eben der Mann den besseren Job hat.“
In der Stadtverwaltung ist sie dabei, ein Netzwerk aufzubauen für Frauen, die sich „nach oben“ bewegen. „Denn wenn du eine Leitungsposition übernimmst, gehörst du nicht mehr zum Team“, erklärt Lenz, „wir müssen die Mitarbeiterinnen auf den neuen Ebenen unterstützen.“
Sie ist in Bezug auf Gleichstellung auch für das Jugendamt und die Kitas zuständig. „Wir achten darauf, dass Mädchen und Jungen die gleichen Angebote bekommen, erinnern daran, dass beispielsweise Farben und Handlungen kein Geschlecht haben.“

Und sie wirkt auch über das Rathaus hinaus in die Stadtgesellschaft. Mit einem gut besuchten Neujahrsempfang hat sie gleich zu Anfang „ihrer Amtszeit“ ein Statement gesetzt, der Frauentag am 8. März war ihre nächste Veranstaltung im Ratssaal, die große Außenwirkung hatte. „Ich möchte Frauen vernetzen, um unsere Gesellschaft zu verändern und zu verbessern“, sagt sie.

Dazu passt ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit, der Einsatz gegen Gewalt in der Familie und speziell gegen Frauen. Marion Lenz setzt sich aktiv für den Opferschutz ein, gemeinsam mit der schon lange sehr erfolgreich arbeitenden Täterberatung aus Wolfenbüttel will sie deren Netzwerk auch auf Braunschweig ausweiten, den Männern Strategien bieten, wie sie aus Konflikten aussteigen können. „Das Thema hat viel Erklärungsbedarf“, macht Marion Lenz deutlich, „aber Täterberatung ist Opferschutz“, ist sie sicher.

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