23. März 2018
Politik

Fingerübungen für die Mobilitätswende

Der Berliner Fahrradaktivist Heinrich Strößenreuther zeigt seinen Weg zur Fahrradstadt auf

Heinrich Strössenreuther

Von Andreas Konrad, 23.3.2018

Braunschweig. Volle Straßen, zugeparkte Radwege und die drohende Klimakatastrophe. Heinrich Strößenreuther hatte davon die Nase voll. Gemeinsam mit vielen Unterstützern initiierte er deshalb in Berlin einen „Volksentscheid Fahrrad“, der demnächst in das erste Mobilitätsgesetz in einem Bundesland münden wird. Am Donnerstag stellte er seinen Weg dorthin im Haus der Kulturen vor. „Ist Braunschweig schon fahrradfreundlich – oder geht noch mehr?“ lautete der Titel. Geladen hatten der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club Braunschweig (ADFC), der Verkehrsclub Deutschland (VCD) und das Braunschweiger Forum.
„Ihr müsst eurem Oberbürgermeister klarmachen, dass er mehr Angst vor euch als vor den Autofahrern haben muss“, wiederholt Strößenreuther mehrfach am Abend vor den rund 100 Zuhörern. Die Botschaft: Es existiert in Städten ein Flächenkonflikt zwischen allen Verkehrsteilnehmern. „Die Häuser am Straßenrand stehen nun mal dort, zu verteilen ist die Fläche dazwischen.“ Diesen Flächenkonflikt zu lösen sei die Politik allein nicht in der Lage, dafür sei er zu groß. Die Vorarbeit für eine Wende in der Mobilitätswende müsse von den Bürgern kommen.
In Berlin kam sie von dort. Der ehemalige Greenpeace-Aktivist, Bahn-Manager und nun hauptberufliche Mobilitätsberater spitzte den Konflikt zu. Er rief eine „Petzer-App“ ins Leben, durch die Falschparker im Internet öffentlich gemacht wurden. Straßen wurden vermessen und die Flächen in Relation zu Auto- und Fahrradverkehr gesetzt. Excel-Tabellen, Zahlen und Prozente wurden zu Strößenreuthers Argumentations-Fundament. Schließlich formulierte das Team zehn Ziele für eine Fahrradstadt und brachte diese durch verschiedene Kampagnen und Aktionen unter das Volk.
Dass man dabei nicht zimperlich sein darf, ist für den 50-Jährigen Grundlage des Erfolgs: „Wenn ihr mit Wattebäuschchen werft, nimmt euch keiner ernst.“ Entsprechend kernig war in Teilen die Kampagne. „Autofahrer töten Radfahrer“, lautete eine Aussage. Es wurden Mahnwachen an jedem Ort errichtet, an dem ein Radler in den Berliner Kernbezirken ums Leben kam, es wurde aber auch viel geredet, mit Presse und Politik.
Schnell griffen vor allem die großen Berliner Boulevardmedien das Thema auf und berichteten. „So haben wir die Hoheit über die Stammtische gewonnen“, erzählt Strößenreuther, und schnell kamen über 100 000 Unterschriften zusammen. „Eine Zahl, bei der ich heute noch feuchte Augen bekomme.“ Die Politik übernahm und entwickelte gemeinsam mit der Initiative Volksentscheid und vielen Umwelt- und Fahrradorganisationen ein Mobilitätsgesetz, das nun in das Abgeordnetenhaus geht.
So die Berliner Geschichte, dann wirft Strößenreuther den Ball ins Publikum: „Ich kann euch nicht dabei helfen, herauszufinden, was ihr wollt. Ich kann euch aber aufzeigen, wie ihr dahin kommt.“ Und schnell wird klar, wo Braunschweig derzeit steht. Es wird der zügige Ausbau des Ringgleises gefordert, am liebsten asphaltiert, dagegen wird sogleich protestiert. An Ideen mangelt es nicht: Baumschutzsatzung, freier ÖPNV oder 18 Euro pro Einwohner im Jahr für die Radverkehrsförderung. Es gibt viel Engagement: ADFC, Critical Mass, VCD oder Forum sind nur einige Akteure. Was fehlt? Strößenreuther betont, dass es ohne hauptamtliches, professionelles Projektmanagement, ohne Grafiker, Juristen und Kreative, die über einen Zeitraum von zwei oder mehr Jahren ihre Freizeit und auch Geld investieren, seiner Erfahrung nach nicht funktionieren könne. Team Fahrradstadt gesucht!

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