Fleißige„Rentnergang“ und ihre Passion fürs Werkeln | Neue Braunschweiger
13. September 2020
Kulturelles

Fleißige„Rentnergang“ und ihre Passion fürs Werkeln

Bühnenbilder, Requisiten und Möbel: Die Komödie am Altstadtmarkt hat mit vier Senioren eine eigene Einsatztruppe für alle Spezialaufgaben

Florian Battermann (Mitte) und seine fleißigen Handwerker: Horst Neumann (li.), Gunter Battermann (2.v.li.), Helmut Menz (2. v. r..) und Manfred Schmidt (r.). Foto: Stefanie Druschke

Braunschweig. In einem Keller an der Frankfurter Straße wird eifrig gewerkelt. Bei den Heinzelmännchen könnte es nicht viel geschäftiger zugehen: Der Akku-Schrauber surrt, es wird gehämmert und gebohrt. Dazwischen sonore Männerstimmen – die „Rentnergang“ in geschäftiger Aktion. Zweimal pro Woche trifft sich die handwerkliche „Task-Force“ für mehrere Stunden zum Arbeiten: Bühnenbilder, Requisiten, Möbel – was immer die Komödie am Altstadtmarkt für ihren laufenden Spielbetrieb benötigt, wird von ihr gebaut.

Hier, in den Räumen unterhalb eines Bürobedarfsmarktes, hat das Theater seit rund zehn Jahren eine höchst wichtige „Außenstelle“: Werkstatt, Lager, Requisitenfundus und oft genug auch Probenbühne. „Martin Semmelrogge, Hans Jürgen Bäumler, Tanja Schumann, Claus Wilcke und viele andere – die waren alle schon hier“, zählt Theaterleiter Florian Battermann auf. Aber in der Regel ist es das Spielfeld der vier Senioren, die Battermann auf Mini-Job-Basis beschäftigt.

Zunächst waren das nur sein Vater Gunter Battermann (75) und sein (mittlerweile Ex-)Schwiegervater Horst Neumann (79), die sich mit Herzblut und vollem Einsatz der Sache annahmen. Battermann senior hatte vor seiner beruflichen Laufbahn als Informatiker als Dekorateur gearbeitet, Neumann konnte seine Fähigkeiten als Schlosser und Tischler einbringen.

Inzwischen hat Florian Battermann zur Unterstützung seiner beiden „Väter“, wie er sie nennt, weitere tatkräftige Männer akquiriert: Der Braunschweiger Helmut Menz (67) war bis zum Renteneintritt Waffenmeister am Staatstheater Braunschweig, und Manfred Schmidt (65) Tischler. Er kommt sogar extra aus Goslar, die Väter Battermann und Neumann aus Hannover und Lehrte. Alle vier haben sichtlich Spaß an ihrer Arbeit. Nur zu Hause sitzen und den Ruhestand genießen, das wäre nichts für sie. „Und nur auf Reisen sein auch nicht!“ Die Rentner wissen: Sie werden hier wirklich gebraucht.

Und sie haben richtig gut zu tun. Der Spielplan ist bis zu zwei Jahre im Voraus geplant. „Nichts ist so wichtig, wie das Bühnenbild“, ist Florian Battermann überzeugt. „Ein Bretterpodest als Bühne, bemaltes Holz als Hintergrund und ein bisschen Deko, schon ist man in einer ganz anderen Welt“. Das Bühnenbild solle die Phantasie anregen und den Zuschauer dazu bringen, ganz und gar in die Geschichte einzusteigen.

Sieben bis acht unterschiedliche Bühnenbilder entstehen jährlich in der Werkstatt an der Frankfurter Straße. Vorab gibt’s immer einen Plan und ein Modell – in die Ausführung mischt sich Florian Battermann dann gar nicht mehr ein: „Die Truppe arbeitet komplett selbstständig“. Eine wichtige Maxime: Es wird nichts weggeworfen, was recycelt oder noch einmal verwendet werden kann.

Die Wandelemente für die Bühnenbilder werden immer wieder neu tapeziert oder gestrichen, leicht umgebaut und angepasst und – ganz wichtig – immer zum Brandschutz gegen Entflammbarkeit imprägniert. Sie sind so konzipiert, dass sie im Baukastensystem zusammengefügt und in der Höhe angepasst werden können, damit der fertige Aufbau auch bei Gastspielen je nach Spielort adaptiert werden kann.

Möbel aller Stilepochen türmen sich in dem großen Lager, Tische, Stühle, Kommoden, Schränke, Öfen, dazwischen ein selbst gebautes Auto und – ach du Schreck – eine sehr echt wirkende Guillotine. Marke Eigenbau, ebenso wie der historisch anmutende Rollstuhl aus der Gründerzeit. „Wenn man ohne Subventionen arbeitet, muss man erfinderisch sein“, sagt Florian Battermann. Und so werden je nach Bedarf auch schon mal gedrechselte Tischbeine aus dem Sperrmüll gerettet oder mit der Straßenmeisterei um eine alte Notrufsäule und ausgemusterte Straßenbegrenzungspfähle gedealt – Bezahlung: eine Kiste Cola. Den Überblick in dem vermeintlichen Chaos hat und behält vor allem Horst Neumann. Er hat vieles im Kopf und eine Inventarliste des kompletten Fundus’ im Computer.

Abschließend bleibt für mich noch die Frage zu klären, wie die einzelnen Elemente der Bühnenbilder eigentlich aus der Lagerhalle geschafft werden? Die Herren zeigen mir die ziemlich geniale Konstruktion, die dafür eigens erdacht wurde: Mehrere Oberlichter der Lagerhalle weichen einer Metall-Schiebetür. Über eine schräge Rampe und eine Rolle können die langen Holzelemente wie bei einem Briefkastenschlitz heraus- oder hineingeschoben werden.

Übrigens: Am 8. Oktober hat das neue Stück in der Komödie am Altstadtmarkt Premiere: „Zwei wie Bonnie und Clyde“ mit Ralph Morgenstern. „Der Vorverkauf hat sehr hoffnungsvoll begonnen“, freut sich Florian Battermann.

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