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Frank Oppermann: „Die fetten Jahre sind vorbei“

55 Jahre NB: Das Braunschweiger Kino an der Langen Straße hat sich vom CinemaxX über das C1 Cinema bis hin zum Astor Filmtheater entwickelt

Astor-Kinoleiter Frank Oppermann. Foto: oh

Innenstadt. Heute sitzen wir in weichen Sitzen, wenn wir ins Kino gehen. Wir essen ­eimerweise Popcorn, und vorn auf der riesigen Leinwand läuft der Film: in Farbe und mit bester Tonqualität. „Das war nicht immer so“, sagt Frank Oppermann.

Der ­56-Jährige leitet das Braunschweiger Kino an der Langen Straße seit der Eröffnung im August 2000 und war an der Entwicklung vom CinemaxX über das C1­Cinema bis hin zum Astor Filmtheater beteiligt. Die NB traf ihn zum Interview.

Herr Oppermann, damals flackerten noch Schwarz-Weiß-Filme über die Leinwand, der Ton war analog, und der Film kam von der 35-mm-Rolle: Verfallen Sie bei dieser Vorstellung in Nostalgie?

Ja, natürlich. Das sind ja meine Anfänge und erste Berührungen mit der Branche. Das soll aber nicht heißen, dass früher „alles besser war“. Jede Zeit hat ihre Berechtigung und Herausforderungen. Und Veränderungen sind Teil unseres Lebens.
Seit 1987 hat sich die Braunschweiger Kinolandschaft mehrfach verändert. Was waren die größten Meilensteine?
1987 ist Flebbe mit erst einem Filmtheater in die Braunschweiger Kinolandschaft eingestiegen. Er erkannte die Bedürfnisse der Kinogäste sowohl in inhaltlicher als auch atmosphärischer Ausrichtung und hatte klare ­Visionen, wie man Kino erfolgreich machen kann. Da sich diese in den kleinen, zum Teil verbauten Kinos kaum realisieren ließen, wuchs die Idee eines Großkinos nach amerikanischem Vorbild – mit deutscher Ausprägung. Diese verwirklichte sich im CinemaxX, das 2000 in Braunschweig in Betrieb genommen wurde. Also zu einem Zeitpunkt, als die Kinobranche sich wieder einmal ersten Krisenanzeichen widersetzen musste. Neue Hoffnung entstand mit den neuen Möglichkeiten, die 2010 durch die Digitalisierung entstanden. 3D, kristallklare Filmbilder, ein größeres Tonspektrum verschafften den Kinos einen deutlichen Vorteil zu der schon damals stetig wachsenden Heimkinobranche. Mit der neuen Ausrichtung zum Premiumkino wird nun einen weitere Strukturveränderung eingeläutet.

Erinnern Sie sich noch an die Zeit, als Sie ins Braunschweiger Kinogeschäft eingestiegen sind?

Sogar gut. Das waren ja Blütezeiten. Wir haben viel ausprobiert. In diesen Jahren entstand die Idee zum Braunschweiger Filmfest, und das Broadway war das zweite Kino in Deutschland, das erstmals Popcorn ins Programm genommen hat.

Wusste das Publikum die Neuerungen in der Kinolandschaft zu schätzen, als im August 2000 das erste CinemaxX in Braunschweig eröffnete?

Aber ja. Das CinemaxX war allen anderen Kinos sowohl technisch als auch in Dingen wie Service und Ausstattung weit überlegen. Nirgends in der Region konnte man so große Leinwände, so guten Sound und so bequeme Sessel damals finden. Das CinemaxX war ein großer Erfolg und ist es jahrelang geblieben.

Wie haben sich die Ansprüche des Kinopublikums in den Jahrzehnten verändert?

Im Grunde weicht diese Entwicklung kaum von der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung ab. Je mehr Service möglich ist, desto mehr wird auch abgefordert. Je mehr Inhalte angeboten werden und sich durch das Internet erfahren lassen, desto breiter wurden die Filmvorlieben. Je mehr Vermarktungsmöglichkeiten es außerhalb des Kinos von Filmen gab, desto kürzer konnten sich diese in den Programmen der Kinos halten.

Und wie hat sich die Situation der Kinobetreiber verändert?

Die „fetten Jahre“ sind vorbei. Wer heute im Markt bleiben will, kann sich nicht auf den Lorbeeren vergangener Jahre ausruhen. Die Konkurrenz ist nicht der Kinobetreiber nebenan, sondern die allgemeine Verfügbarkeit von Medien aller Art, bei denen Film zunehmend eine immer schwächer werdende Rolle spielt. Da das Kino sein eigentliches Produkt – den Film – nicht beeinflussen kann, muss es sehr ­genau seine Besucher verstehen und ihre Bedürfnisse erkennen können.

Im Astor Filmtheater kann man sich am Logenplatz bedienen lassen, es gibt eine Garderobe, Begrüßungsgetränk und viel Beinfreiheit. Wie kam es zu dieser Orientierung? Hat man die jüngere Zielgruppe aufgegeben?

Zuerst einmal sind dies alles Vorzüge, die auch von jüngeren Zielgruppen gern genutzt werden. Diese haben aber eine ganz andere Mediennutzung und sind für das klassische Kino immer schwerer erreichbar außerhalb der großen Blockbuster. Die älteren Zielgruppen beginnen, das ­Kino mit diesen Angeboten neu für sich zu entdecken und schätzen diese besonders. Wenn ein Kino heute die Menschen vom heimischen ­Sofa weglocken möchte, reicht es nicht mehr aus, nur das zu bieten, was es jahrelang getan hat. Die Besucher möchten einen Mehrwert erfahren.

Wie schätzen Sie denn die Entwicklung des deutschen Films ein?

Schwieriger denn je. Die guten Talente folgen den Verlockungen der Streamingbranche oder wandern ins Ausland ab. Darüber hinaus gibt es zu wenig risikofreudige Produzenten mit einem Gespür für das Publikum. Es werden viel zu viele vor allem hochkünstlerische Filme gemacht, die aber außerhalb von Festivals kaum noch ein Publikum finden.

Was glauben Sie: In welche Richtung wird sich Kino in Zukunft weiterentwickeln? Was ist mit der Kinokrise?

Das Wort „Kinokrise“ begleitet mich wie ein Phantom bereits seit meinen Anfängen vor über 30 Jahren. Bisher ist es dem Kino immer gelungen, neue Wege zu beschreiten und allen Angriffen zu trotzen. In erster Linie verdankt das Kino dies nicht technischen Innovationen oder Verbesserungen im Servicebereich, sondern der Einzigartigkeit des Gemeinschaftsgefühls, in einem dunklen Kinosaal mit vielen zum Teil fremden Menschen große Emotionen zu durchleben oder einfach nur einen Riesenspaß zu haben. Technisch wird es weiter spannende Entwicklungen geben wie 3D ohne Brille, holografisches Kino und so weiter. Aber das Kerngefühl des Kinoerlebnisses ist der Garant für das Fortbestehen dieses einzigartigen Mediums.

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