Der Blinde und das Hippiemädchen

„Schmetterlinge sind frei“: Viel Beifall bei der Premiere in der Komödie am Altstadtmarkt

Joanna Semmelrogge und Andreas Werth in "Schmetterlinge sind frei. Foto: Imagemove

Altstadtviertel. Gab es in den 1970er Jahren eigentlich schon Helikoptermütter? Vielleicht nicht als gesellschaftliche Größe, aber Mrs. Baker (Manon Straché) könnte die erste ihrer Art gewesen sein. Überbesorgt wacht sie über ihren von Geburt an blinden Sohn, will alle Verletzungen von ihm fernhalten und fügt ihm damit ungewollt neue hinzu. Am Donnerstag eröffnete die Komödie am Altstadtmarkt die neue Spielzeit mit dem Stück „Schmetterlinge sind frei“. Eine Komödie, die keine Brüller, keine Schenkelklopfer liefert, stattdessen mit schnellen Dialogen und feinem Wortwitz glänzt.

Geballte Frauenpower in Person der flatterhaften Jill Tanner (hinreißend Joanna Semmelrogge) und der energischen Mrs. Baker (ausdrucksstark Manon Straché) treiben die Handlung vorwärts, so sehr, dass die beiden männlichen Darsteller Andreas Werth und Jan Felski sich anstrengen müssen, um hinterher zu kommen. Manon Straché schöpft aus Jahrzehnten Bühnenerfahrung, die Art wie sie ihre Augenbraue lupft, sagt alles: Jill ist auf keinen Fall der geeignete Umgang für ihren behüteten Sohn. „Und ihr Vater?“ hakt die Baker mal eben den Stammbaum des Hippiemädchens ab. „Welcher?“ fragt Jill ahnungslos zurück. „Ich hatte vier, einen echten und drei Stiefväter“, sagt sie.

Bevor es ernst und eng wird, ist Jill noch immer schnell davongeflogen. Auch diesmal ist die nächste Blüte nicht weit, der selbstverliebte Regisseur Ralph Austin will Jill in seinem neuesten Stück zwar nicht die Hauptrolle geben, hat in seiner Wohnung aber immerhin einen Platz auf der Besetzungscouch frei. Jill packt ihre Koffer, zu schwer wiegt ihr die Verantwortung, sich auf große Gefühle zu einem Blinden einzulassen.

Pointen- und temporeich teilen die Protagonisten aus, jede Schwachstelle wird aufgedeckt: Die Angst der Mutter, nicht mehr gebraucht zu werden und den blinden Sohn als persönliche Krücke benutzt, der blinde Sohn, der alles, nur kein Mitleid haben will, bei der ersten Schwierigkeit aber gleich in Mamas Arme flüchten möchte und die plappernde Jill, die Feigheit und Verantwortungslosigkeit mit Freiheit verwechselt. „Du bist der Gefühlskrüppel“, hält der blinde Don ihr schließlich vor.

Regisseur Florian Battermann legt viel, vielleicht zu viel Botschaft in diesen Abend, über den korrekten Umgang mit behinderten Menschen etwa oder den modernen Kunst- und Theaterbetrieb, der Inhalt durch Skandale ersetzt. Er darf getrost dem Trio seiner Hauptdarsteller vertrauen, die die emotionalen Untiefen mit spielerischer Leichtigkeit ausloteten. „Schmetterlinge sind frei“ ­– die Zeit bis zum Schlussapplaus mit stehenden Ovationen verging wie im Flug.

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