Früher war nicht alles besser, aber anders | Neue Braunschweiger
15. Dezember 2019
Menschen

Früher war nicht alles besser, aber anders

Sammler Dirk Teckentrup hebt weitere Schätze – „Braunschweig damals & heute II – Stadtansichten aus 125 Jahren“

Dieser handkolorierte Photochromdruck der Hagenbrücke mit Blick auf die Katharinenkirche fasziniert Dirk Teckentrup wegen der handwerklichen Qualität und der visuellen Ausdruckskraft: „Diese Darstellung zieht einen förmlich ins Bild hinein.“

Braunschweig. Zwischen dem Braunschweig von früher und dem Braunschweig von heute liegen manchmal Welten. „Das ist erschreckend und faszinierend zugleich“, sagt Dirk Teckentrup. Der Immobilienmakler und passionierte Sammler alter Postkarten mit Stadtansichten ist oft genug selbst überrascht, wie tiefgreifend die Veränderungen sind.

Vom BZV-Medienhaus ist es nur ein Katzensprung – gedanklich und in Wirklichkeit – hinüber zu Bäcker- und Radeklint. „Das erkennen Sie heute nicht wieder“, sagt Teckentrup. Der Eulenspiegelbrunnen überlebte immerhin als Orientierungspunkt. Ebenso die Petrikirche, die nach den verheerenden Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg als Mahnmal in einer Trümmerwüste stand. Schmale Gassen gerieten später durch den autogerechten Straßenausbau unter die Räder, die Braunschweiger Schule mit ihrer Sachlichkeit ließ die Hochhäuser an der Kurt-Schumacher-Straße und Dirk Teckentrup ratlos zurück. Für ihn ist fraglich, was man sich beim Atrium-Bummel-Center seinerzeit gedacht habe.

Viele hundert Verlage

Aber zurück an den Bäckerklint. Eulenspiegel, die Bäckerei und das Mummehaus waren schon vor hundert Jahren ein touristisch bemerkenswerter Ort, davon zeugen entsprechende Ansichtskarten. „Kleine Straßen sind dagegen sehr selten fotografiert worden“, sagt Teckentrup. In seiner Sammlung hat er tatsächlich eine alte Ansicht der Friedrichstraße, die von der Böcklerstraße abzweigt und als Sackgasse endet. Eine Postkarte mit Seltenheitswert. Selbst passionierte Sammler wie Teckentrup müssen mit dem Kopf schütteln, wenn die Frage kommt, wie die „Blaue Mauritius“ der Braunschweiger Stadtansichten aussieht. Anders als bei den Postwertzeichen gebe es keine Kataloge oder Aufzeichnungen darüber, welche Motive im Umlauf sind. „Da tappt man im Dunklen“, sagt Teckentrup. „Es gibt bestimmt Straßen in Braunschweig, die keine Karte haben.“ Umgekehrt ist bei der Vielzahl der Verlage (es waren früher hunderte) nicht auszuschließen, dass selbst eine völlig nichtssagende, unspektakuläre Häuserfront zum Postkartenmotiv geworden ist. Und sei es nur deshalb, weil ein Geschäft in der Straße aus Anlass des Firmenjubiläums eine Kleinstauflage in Auftrag gegeben hatte. Und auch das gab es: eine Schnellauflage nach einem Bahnunglück um 1904 oder 1905. Bei dieser besonderen Karte las Teckentrup auch die Zeilen auf der Rückseite aufmerksam, in der Hoffnung, dort Näheres über das Unglück zu erfahren. „Hans grüßt Emma – so etwas interessiert mich weniger.“

Der Vergleich alter und neuer Stadtansichten interessierte Dirk Teckentrup schon als Schüler. Foto: JHM-Verlag

Alle schrieben Karten

Postkarten wurden massenweise geschrieben und versendet, waren Grußkarte und Werbebotschaft, Telegramm und Briefersatz. An ihre Stelle sind heute digitale Kurznachrichten getreten. „Die Leute sind schreibfaul geworden“, sagt Teckentrup. Er selbst nimmt sich davon nicht aus. Einzige Ausnahme: „Aus dem Urlaub schreibe ich noch Karten.“ Von den Glanzzeiten, als Fotokarten mit Schloss oder Lessingplatz darauf mit Hilfe von Schablonen nachkoloriert wurden, zehren Sammler wie Teckentrup bis heute. Wäre er allein auf den Besuch von Messen angewiesen, wäre es um Neuzugänge für seine Sammlung schlecht bestellt, denn am Wochenende lässt er es lieber geruhsamer angehen. Die seltenen Motive seien heiß umkämpft. „Die meisten Sammler sind schon ganz früh auf den Beinen und grasen alles ab“, sagt er. Messen, Sammlerangebote im Internet und Auktionen so wie die vor zehn Jahren bei Pfankuch, als er sein erstes Album mit Ansichten von Braunschweig ersteigerte, sind die Drehscheibe für die historischen Ansichten.

Längst forscht Dirk Teckentrup nicht mehr allein auf heimischem Terrain, sucht auf historischen Spuren in Amerika oder der Karibik nach allem, was auf „Brunswick“ verweist. Eine Postkarte fand sogar aus Australien den Weg in seine Sammlung: „Es dauerte drei Wochen, bis sie hier war.“

Welche Schätze er gehoben hat, das verrät die neueste Buchveröffentlichung im JHM-Verlag, erhältlich im BZV-Medienhaus und im Buchhandel: „Braunschweig damals & heute II – Postkartenansichten aus 125 Jahren“

Info

Nach dem großen Erfolg des Magazins „Braunschweig damals & heute“ ist nun im JHM-Verlag der hochwertige Nachfolgeband erschienen. Autor Dirk Teckentrup lädt diesmal ein zu einem fotografischen Rundgang durch das Braunschweig der 30er-Jahre und stellt diesen Ansichten die heutige Situation gegenüber. Preis: 9,80 Euro.

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