Für dieses Engagement gibt es eine Eins

Die erste Fairtrade-Schule der Stadt: Die Neue Oberschule erfüllt alle Kriterien und wartet auf die offizielle Anerkennung

Großer Andrang am alternativen Schulkiosk. Hier gibt es nur Waren, die fair erzeugt und gehandelt wurden. Foto: Benno Seydel

Braunschweig. Seit fast fünf Jahren ist Braunschweig „Fairtrade-Stadt“ und hat sich damit der lokalen Verbreitung von fair gehandelten Produkten verschrieben. Wenn es um die Verbreitung des Fairtrade-Gedankens geht, dann macht Braunschweig demnächst einen großen Schritt voran.

Das Gymnasium Neue Oberschule in der Beethovenstraße schickt sich an, die erste Fairtrade-Schule der Stadt zu werden. Auf der Internetseite der vom Bund unterstützten Kampagne „Fairtrade Schools“ sorgt die NO schon jetzt dafür, dass die Region nicht länger mehr ein unbeschriebenes Blatt ist. Das grüne Symbol steht für das laufende Bewerbungsverfahren. In der Nachbarschaft gibt es bislang nur das Gymnasium Schloss Wolfenbüttel, das bereits anerkannt ist. Das Engagement, sich zu bewerben und die Kriterien zu erfüllen, geht an der NO nicht von den Lehrern aus, sondern von einer Gruppe von Schülern. Hier berichten wir von Ludmilla, Emilia und den anderen.

Jetzt heißt es warten, denn das Beste kommt zum Schluss. Emilia Westerkamp und Ludmilla Kristen werden schon gar nicht mehr an ihrer Schule sein, wenn die Neue Oberschule Braunschweigs erste Fairtrade-Schule werden wird. „Das ist unser Vermächtnis, daran wird man sich später erinnern“, sagen Emilia und Ludmilla und müssen lachen.

Ludmilla hatte die Idee

Die beiden Zwölftklässlerinnen haben gerade Abitur gemacht. Sie haben keinen Zweifel daran, dass es mit der Auszeichnung klappen wird. Angeschoben haben das Ganze die Schüler. Nur die Anregung, sich mit den Auswirkungen des globalen Handels zu befassen, die kam aus dem Unterricht. „Ich fand es super, dass die Jugendlichen von selbst auf mich zugekommen sind“, sagt Erdkundelehrer Patrick Foppe. Die Neue Oberschule engagiert sich in vielen Bereichen und ist bekannt für ihr reiches Schulleben, die Auszeichnung „Fairtrade“-Schule passt gut ins Konzept.

Der Stein kam ins Rollen, als die Schülerinnen sich im Erdkundeunterricht mit dem Thema nachhaltiger Konsum beschäftigten. Sie besuchten den Eine-Welt- und den Unverpacktladen in Braunschweig, informierten sich bei Alba über Müll und Müllvermeidung, sie gingen zu Primark und verfolgten in der Theorie den Weg einer Hose vom Baumwollanbau bis in den Laden. „Es ging darum, was jeder selbst tun kann“, sagt Lehrer Foppe. Darum, welche Auswirkungen – negativ wie positiv – unser Konsumverhalten hat. Als nächstes schrieb Emilia ihre Seminarfacharbeit über Klimaschutz. Ludmillas Thema hieß „Der faire Handel in Braunschweig“. „Die Arbeit war kein Glanzstück“, sagt sie selbstkritisch, aber danach war für die jetzt 18-Jährige klar: „Ich will die NO zur Fairtrade-Schule machen.“

Die Arbeitsgemeinschaft Fairtrade ist mit rund 20 Aktiven mittlerweile eine der größten an der Schule, der Zulauf ist bemerkenswert, das Engagement ebenso. „Die ‘Kleinen’ übernehmen total viel Verantwortung, das läuft richtig gut“, sagt Ludmilla. Auf das Team aus der zehnten Klasse ist Verlass: Medea, Klara, Werner, Jule und die anderen stehen bereit, um weiterzumachen, wenn die Abiturienten weg sind.

Bei jedem Anlass dabei

In mindestens einer der Unterrichtspausen verkaufen die Schüler fair gehandelte Schokoriegel, außerdem Maniok-Chips oder Fruchtriegel. Spätestens alle zwei Wochen wird zum Einkaufspreis neue Ware im Eine-Welt-Laden gekauft. Der privat betriebene Schulkiosk hatte zuvor abgewunken. Deshalb gibt es jetzt den „Guerilla-Kiosk“, so nennt Foppe scherzhaft den improvisierten Verkaufsstand der Schüler. Egal, ob Elternsprechtag oder Spendenlauf, die Arbeitsgemeinschaft Fairtrade bietet Braunschweig-Kaffee an, nutzt jede Gelegenheit, um über fairen Handel zu informieren. Die Schulaktionen sind eines der Kriterien, um Fairtrade-Schule werden zu können, ein weiteres fordert die Einbindung der Thematik in den Unterricht. Alles kein Problem für die NO.

Auch optisch zeigen die Schüler Flagge: Das Start-Up Polarherz im Magniviertel wird die AG demnächst mit fair produzierten T-Shirts ausstatten – finanziert aus dem Fördertopf der Stadt.
Die Kehrseite des Engagements? „Wir werden als Ökos abgestempelt“, sagt Ludmilla. „Wir werden belächelt“, sagt Emilia. Beide sind dennoch überzeugt von ihrem Tun und voller Optimismus. „Wenn man denkt, es ist sowieso alles egal, dann muss man sich nicht mit Fairtrade beschäftigen“, sagt Ludmilla.

Zwei Dinge haben die Schülerinnen gelernt. 1. „Man kann nicht alle bekehren.“ 2. „Wenn man anfängt, die Leute zu bevormunden, dann machen sie dicht.“ Die beiden sind selbst nicht immer konsequent, aber oft. Sie gehen auf dem Biomarkt an der Herzogin-Elisabeth-Straße, holen die Cornflakes in der mitgebrachten Dose aus dem Unverpacktladen oder tragen Second-Hand-Klamotten. Emilia plant für die Zeit nach der Schule ein Auslandsjahr in Afrika oder in Israel, Ludmilla interessiert sich für den Studiengang „European Studies“ in den Niederlanden. „Und wenn ich dann allein wohne und koche, dann werde ich Veganerin!“ Bis es soweit ist, haben die beiden noch eine gute Nachricht für ihren Lehrer: „Ab nächster Woche gibt es im Lehrerzimmer Fairtrade-Kaffee.“

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