Ganz schön neu: Filmen ohne Worte

Gehörlose und hörende Schüler drehen einen Parkour-Sportfilm für inklusiven Wettbewerb

Janis Geiger (ganz rechts) begleitete die Jugendlichen beim inklusiven Sportfilmworkshop. Jonathan (16), Luca (16), Mats (15) und Tim (15) sind begeistert dabei. Foto: Birgit Wiefel

Viewegs Garten-Bebelhof. Janis Geiger zupft einmal kurz an der grauen, ausgebeulten Jogginghose und legt los: Hocke übers Geländer und mit Schwung unter dem nächsten hindurch. Dann winkt er stumm den 16-jährigen Luca heran. „Komm her, und mach nach“, bedeutet das. Luca nickt. Er hat verstanden – auch ohne Worte. Zu Besuch im Landesbildungszentrum für Hörgeschädigte.

20 Schüler tummelten sich in dieser Woche auf dem Schulgelände am Zuckerberg. Statt Mathe und Deutsch standen an diesem Tag Sport und Film auf dem Stundenplan. Die 15- bis 16-Jährigen sind Teilnehmer des inklusiven Kurzfilmprojekts „Ganz schön anders – Ganz schön aufregend“. Und aufregend ist der landesweite Wettbewerb des Vereins Blickwechsel. Denn es geht nicht nur darum, sich mit zwei spannenden Filmen für die Endausscheidung in Hannover zu bewerben. Die Jugendlichen müssen auch mit einer Situation zurechtzukommen, auf die sie im Alltag in der Regel nicht treffen: Acht von ihnen sind taub und gehören zum Landesbildungszentrum, 14 können hören und sind Schüler des Ricarda-Huch-Gymnasiums.

„Im Mittelpunkt der beiden Filme steht der Parkour-Sport – eine Sportart, bei der es darum geht, möglichst spektakulär Hindernisse zu überwinden“, erklärt Projektkoordinator Markus Götte. Für Training und Dreh konnte der Berliner Profi Janis Geiger gewonnen werden, der gleich auch noch bewies, dass Kommunikation nicht unbedingt etwas mit Sprache zu tun haben muss. Geiger, selbst gehörlos, verständigte sich ganz einfach mit Gesten und Mimik.
„Am Anfang war das schon ungewohnt für mich. Ich musste erst erst einmal herausfinden, ob mich der Trainer und die gehörlosen Schüler wirklich gar nicht verstehen können oder noch ein bisschen, ob sie mit mir reden können oder sich nur durch Gesten verständigen“, berichtet Luca vom Ricarda-Huch-Gymnasium von der ersten Annäherung.
Am Ende des Workshop­tages waren alle begeistert: „Es ist toll, wie die Jugendlichen schon nach kurzer Zeit aus sich herausgehen. Selbst schüchterne Schüler müssen ihre Zurückhaltung überwinden, denn wo die Sprache nicht funktioniert, muss man sich gegenseitig gut beobachten“, freute sich Heike Schlesinger, Sportlehrerin am Ricarda-Huch-Gymnasium über ihre zehnte Klasse. Auch Janis Geiger zieht – per Zeichensprache – ein positives Fazit: „Bei diesem Parcour-Workshop geht es letztlich auch darum, die Hindernisse im Kopf zu überwinden“, teilt er per Dolmetscher mit.

Ende November/Anfang Dezember werden sich die Jugendlichen noch einmal treffen, um die Filme zu schneiden. Dann heißt es: Daumen drücken. Eine Jury wählt unter allen eingereichten Kurzfilmen die zehn besten aus, die am 3. April 2019 in Hannover gezeigt werden. Infos unter www.ganz-schoen-anders.org .

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