30. August 2020
Buntes

„Goslar ist Bombe. Göttingen auch. Braunschweig geht so“

Andreas Döring berichtet davon, wie es ist, in Corona-Zeiten Straßenmusik zu machen

Viele Passanten freuen sich, dass mit der Musik wieder Leben in die Straße kommt. Corona-Bestimmungen machen übrigens auch vor Straßenmusikern nicht Halt. Foto: Privat

Braunschweig/Region (mak). Als NB-Kolumnist haben wir Andreas Döring kennengelernt, aber diesmal ist er nicht auf anderen Kontinenten unterwegs und reist mit uns „In 80 Zeilen um die Welt“. Nein, diesmal treibt es ihn und seine Musikerkollegen kreuz und quer durch Niedersachsen. Was er als Straßenmusiker erlebt hat, ist in dieser NB zu lesen. Abenteuer kann man auf Bali und in Braunschweig erleben. Und: In manchen Städten ist das Pflaster härter als anderswo …

„Goslar ist Bombe. Göttingen auch. Braunschweig geht so. Magdeburg? Weiträumig umfahren“, so bringt Andreas Döring seine Erkenntnisse auf den Punkt. Hier sein Bericht:

Straßenmusiker tauschen sich aus darüber, wo es sich lohnt, Klampfe oder Akkordeon auszupacken. Und an welchen Ecken man stehen muss. Halb zehn also Aufstellung – im Hut sind schon zwei Euro, bevor wir die Gitarren überhaupt gestimmt haben. Die Leute sind hungrig nach Livemusik, das hatten wir so nicht geahnt. Der Italiener von gegenüber bringt ein Tablett mit Kaffee: „Geht aufs Haus, wir sind froh, wenn hier wieder Leben reinkommt.“

Wir sind fünf und alle fünf singen. Das macht laut Corona-Zollstock 12 Meter Front, also doch lieber in zwei Reihen, Kontrabass und Schlagzeug hinten. Macht immer noch sechs Meter. 21 Songs haben wir im Gepäck, nach drei Tagen auf der Straße werden wir die Liste zwölf- oder fünfzehnmal runtergespielt haben: Göttingen, Hildesheim, Goslar.

Blasen an den Fingern

Blasen an den Fingern, abends behutsam Tee für die Stimme, meine Sitzhöcker schmerzen noch immer von drei Tagen auf der Cachon, diesem Mini-Schlagzeug aus Sperrholz.
Der Gegenwert allerdings ist unbeschreiblich und hält lange an: strahlende Gesichter, Lebensfreude pur – einfach nur, weil die Musik sie aus lange verschütteten Ecken an die Oberfläche befördert. Ein alter, mürrischer Grantler schiebt sein Rad an uns vorbei, bleibt aber ganz am Rand dann doch stehen, stellt sein Rad ab, dreht sich eine Zigarette, wippt beim zweiten Stück fast unmerklich mit und hat am Ende unserer Song-Liste seine Hüfte nicht mehr unter Kontrolle. Ein junges Pärchen schmeißt spontan die Rucksäcke hin und tanzt barfuß Lindi-Hop, laut juchzend. Beifall von allen Seiten.

Eine in sich gekehrte ältere Dame stellt ihre beiden Einkaufstaschen ab, fängt ganz behutsam an, sich rhythmisch zu bewegen, ungelenk, eckig, aber der Groove ist ansteckend und führt sie schließlich zu der bestimmt siebzigjährigen Latina, die schon seit ein paar Nummern direkt vor uns ausladend tanzt. Wie zwei Pubertiere giggeln sie umeinander und haben Freudentränen in den Augen. Die Spende des Tages kommt von einem eleganten Touristenpärchen: erst legen die beiden einen stilsicheren Chacha hin, dann einen Zwanziger in den Hut. „Leute, ihr wisst gar nicht, wie gut das tut nach so langer Abstinenz!“
Einige bleiben den ganzen Tag bei uns, kennen die Stücke am Ende auswendig. Einige schreiben uns Mails: „Hi – ich habe Euch heute kurz, spontan und erstmals in Göttingen gehört, danke, danke, danke. Toll, dass ihr euch auf den Weg macht. Bestimmt gibt es tausend Bestimmungen, die zu beachten sind.“

Die Ämter hören nicht weg

In der Tat. Kommunale Ordnungsämter hören nicht weg. Mikrofone und Verstärker, so leise sie auch sind, stellen eine Ordnungswidrigkeit dar, Punkt. Sofort abbauen und ohne Strom weitermachen. Da hat man mal Glück und mal eben nicht – auch darüber tauschen sich Straßenmusiker aus. Ein bisschen Augenmaß wäre gerade in Corona-Zeiten ganz schön. Gerade mit Abstand zum Publikum kommt man auch in Fußgängerzonen gegen Kehrfahrzeuge, Springbrunnen und den Lieferverkehr nicht ohne Strom an.

Aber das ist nicht das, was bleibt. Was bleibt, sind die Fotos, die wir zugeschickt bekommen, dazu in Großbuchstaben: „Ihr habt uns das Herz wieder etwas geweitet. Auf ein nächstes mal. Love H.“ Das hatten wir so nicht geahnt.
Kontakt und Info auf der Homepage der Band unter www.just4.info .

Auch interessant