Grenzgänge im Niemandsland | Neue Braunschweiger
31. Dezember 2019
Kulturelles

Grenzgänge im Niemandsland

Unglaublich spannend: Ausstellung im Museum für Photographie führt ins „Zonenrandgebiet“

Verkehrte Welt: Wieder eine Grenze, aber die Soldaten haben nicht das Feindesland, Nordkorea, im Blick, sondern ihr eigenes Land. Foto: Leonhard Hoffmann/Museum fürPhotographie

Braunschweig. In 30 Jahren wächst ziemlich viel Gras. Und in 30 Jahren werden Erinnerungen ziemlich blass. Erstaunlich, wie wenig von der einstigen Grenze noch geblieben ist. Höchste Zeit für die Spurensuche im deutsch-deutschen Niemandsland. „Zonenrandgebiet“ heißt die Ausstellung im Museum für Photographie, die noch bis zum 12. Januar 2020 in den beiden Torhäusern an der Helmstedter Straße zu sehen ist.

„Der Begriff Zonenrandgebiet ist hier von besonderer Bedeutung, aber er könnte verloren gehen“, sagte Barbara Hofmann-Johnson beim Ausstellungsrundgang. 30 Jahre nach der Grenzöffnung füllt die Ausstellung im Torhaus diesen Begriff mit Bedeutung: Sie knüpft biografische Verbindungen, schafft ästhetische Momente, überrascht und verstört. Einige Vereinsmitglieder hätten die Anfang 2019 ausgesprochene Einladung, sich auf dieses Thema einzulassen, eher zögerlich angenommen, andere durchforschten sogleich ihre Archive. Aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln nähern sich die Fotografen Grenze und Grenzland, vermessen und deuten sie neu, schauen zurück oder dokumentieren die Gegenwart. Es ist unglaublich spannend, was sie bei ihren Streifzügen entdeckt haben.

Die Romantik des Vergänglichen trifft sich mit schonungslosem Realismus. Leerstehende und dem Verfall preisgegebene Häuser in Halberstadt, aufgenommen im Jahr 1989, mit einer Namensliste all derer, die an der Grenze den Tod fanden. Das Grüne Band als Naturraum ist nicht mehr als der Ort wiederzuerkennen, an dem Leben und Träume ein jähes Ende fanden. Helge Paulsen hat den Widerspruch inszeniert und vor dem grünen Hintergrund mit Feld und Bäumen eine Luftmatratze in den Stacheldraht gehängt.

Vielen Fotos entströmt ein morbider Charme, aber auch Nostalgie und schöne Kindheitserinnerung. Manuela Karin Knaut wirft einen liebevollen Blick zurück und suchte noch einmal das Haus ihrer Tante Lisbeth auf, wo sie als Kind am einstigen Zonenrand viele aufregende Sommerurlaube verbrachte. Zwischen Häkelkissen und alten Möbeln scheint die Zeit stehengeblieben zu sein.

Jedes Mitglied hat seine eigenen Assoziationen und Berührungspunkte mit dem Thema zu Papier gebracht, diese Handreichung ebnet den Zugang zu allen Werken.

TIPP: Jeden ersten Donnerstag im Monat, das nächste Mal am 2. Januar, hat das Museum von 13 bis 20 Uhr bei freiem Eintritt geöffnet. Eine Führung findet ab 18 Uhr statt.
Weitere Ausstellungsführungen finden am 5. Januar, 16 Uhr, sowie am 12. Januar zur Finissage ab 16 Uhr statt. Außerdem können Sonderführungen individuell gebucht werden.
Geöffnet: Dienstag bis Freitag 13 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag 11 bis 18 Uhr.

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