Hamburger Song-Kurzgeschichten | Neue Braunschweiger
29. Januar 2020
Kultur

Hamburger Song-Kurzgeschichten

Zweiter „GroßerHausBesuch“ im ausverkauften Staatstheater mit Kettcar

Kettcar-Sänger Marcus Wiebusch und Bassist Reimer Bustorff auf der Bühne. Foto: Rüdiger Knuth

Braunschweig. Hamburg besuchte Braunschweig. Nach dem gefeierten Gig von Tocotronic (Anfang November 2019), spielte Samstagabend die zweite Hamburger Band im Rahmen der neuen Veranstaltungsreihe „GroßerHausBesuch“, präsentiert von Volkswagen Financial Services, im altehrwürdigen Staatstheater: Kettcar.

Kaum eine Band verkörpert die Hansestadt so stark, wie der großgewachsene Sänger, Texter und Gitarrist Markus Wiebusch und seine vier Mitstreiter. „Landungsbrücken raus“ heißt ihre große Hamburg-Hymne. Der Hit vom Debütalbum „Du und wieviel von deinen Freunden“ aus dem Jahr 2002 wurde natürlich auch von der fünfköpfigen Band gespielt – und von den knapp 900 Besucher freundlich gefeiert. Das Braunschweiger Publikum begrüßte Kettcar buchstäblich mit offenen Armen, so dass die Band ihr anfängliches Beeindrucktsein, angesichts des besonderen Konzert-Ortes – und des zunächst sitzenden Publikums – schnell ablegte.

Kettcar, ganz in schwarz gekleidet, lieferten – auf kleinen Orient-Teppichen stehend – solide ab. Im Hintergrund ließen sie auf einer zerstückelten Videowand, die wie eine Mauer wirkte, zeitweise Musikvideos synchron zu den Songs ablaufen. Im Mittelpunkt der Show: Frontmann Markus Wiebusch der mit seiner entschlossenen, drängenden Stimme und lyrischem Sprechgesang den Weg ebnete. Sein Bruder Lars Wiebusch lieferte am Keyboard dazu nuancierte Klaviereinlagen, eingängige Melodien und auch mal elektronische Beats. Gitarrist Erik Langer war zuständig für den melancholischen Klangteppich, Bassist Reimer Bustorff und Schlagzeuger Christian Hake bildeten die souveräne Rhythmusfraktion. Drei Bläser unterstützten zudem bei einigen Songs und sorgten damit für weitere Klangakzente.

Kettcar, die bislang fünf Studioalben veröffentlichten, von denen sich vier in den Top 5 der deutschen Charts platzieren konnten, schöpften aus dem Vollen. Mit „Der Tag wird kommen“ forderte Wiebusch die meist textsicheren Besucher zum Aufstehen auf, „weil der Song sexy Tanz-Moves braucht.“ Und die folgten ihm gerne. Jeder ihrer geerdeten, meist treibenden Indie-Rock-Songs wirkte wie eine Kurzgeschichte – immer wieder gab es vorab und hinterher selbstironische und trockene Anekdoten dazu. Die Band mit Punk-Wurzeln geizte zudem nicht mit Pathos, Parolen und Pop-Appeal, spielte eingängige, romantische („Balu“), aber auch einige politische Songs wie „Sommer ‘89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“. Darin geht es um Fluchthilfe an der österreichisch-ungarischen Grenze – „Humanität ist nicht verhandelbar“, vermeldete Marcus Wiebusch dazu. Kettcar zeigten in Braunschweig viel Haltung und Herzlichkeit – das kam bei den meisten Besuchern hervorragend an.

Auch interessant