21. Januar 2019
Buntes

„Handlettering ist quasi wie Yoga auf Papier“

Schönschreiben ist gerade angesagt: Die Kunst, Buchstaben tanzen zu lassen – Ein Selbstversuch im Anfängerkurs

Der neue Trend: Handlettering. Foto: oh

Innenstadt. Besondere Zitate in den schönsten Schriften auf Postkarten, in Zeitschriften, auf Kalendern und Speisekarten: Schönschreiben ist gerade angesagt – vielleicht als Gegentrend zur Digitalisierung in Zeiten von Touchscreens, Tastaturen und Kurznachrichten. Immer mehr Menschen gestalten wunderschöne Buchstaben auf kunstvolle Art und Weise – von Hand wohlgemerkt!

Nach dem Ausmalbücher-Boom für Erwachsene nun also das „Handlettering“ – so nennt sich dieser neue Trend. Dafür gibt es Übungsbücher, YouTube-Tutorials oder Kurse. Zeit für einen Selbstversuch: An einem Mittwochabend haben sich nach Ladenschluss zehn Frauen bei Büro Weiss eingefunden, um in die Welt der Fineliner und Brushpens, der Schriftschnitte und Dekoelemente einzutauchen. Im Anfänger-Workshop wollen wir unter professioneller Anleitung die ersten Schritte machen und die Basics lernen.

Der Unterrichtsraum ist irgendwo im Hinterhaus des Unternehmens, wir mäandern durch Lagerräume und Treppenhäuser dorthin. Ein gemütlicher Raum mit großem Tisch, darauf die Arbeitsmaterialien, warme und kalte Getränke, Süßigkeiten. Jede Teilnehmerin bekommt ein Startpaket mit Übungsmaterial und verschiedenen Alphabeten.
Der Kurs wird von der Diplom-Grafik-Designerin Mechthild Waidmann geleitet. „Handlettering verbindet das Zeichnen mit dem Schreiben“, erklärt uns die Inhaberin einer Braunschweiger Malschule und versichert: „Es ist ein schönes Hobby zum Abschalten. Einfach losschreiben und den Alltag dabei ausblenden“. Das sei quasi wie Yoga auf Papier.
Zunächst müssen alle die richtige Haltung einnehmen. Schreibarm und Handgelenk müssen locker sein, die Füße sollen nebeneinander fest auf dem Boden stehen. Dann starten wir mit ersten Übungen, lernen Ober- und Unterlängen kennen, erfahren, dass für die unterschiedlichen Linienstärken mit unterschiedlichem Druck gearbeitet wird und wir beim Schreiben „wie beim Autofahren den Fuß vom Gas“ nehmen sollen.

Handlettering im Selbstversuch: Nach ersten Schwungübungen läuft es schon ganz gut. Foto: Druschke

Ich finde, ein bisschen fühlen sich diese ersten Schreibversuche wie die Schwungübungen seinerzeit in der Grundschule
an. Einiges gelingt gleich ganz gut, andere Buchstaben wollen mir einfach noch nicht locker aus der Hand fließen. „Schütteln Sie mal die Hand aus. Machen Sie sich locker, wie wäre es mit etwas Nervennahrung für die Konzentration?“, empfiehlt die Kursleiterin. Ich gönne mir einen Schokoriegel und eine Tasse Tee und fange noch mal von vorne an. Siehe da: Läuft doch gleich besser!
Die ersten von uns versuchen sich an ganzen Wörtern. Und tatsächlich passiert das, was Mechthild Waidmann uns prophezeit hat: Obwohl wir alle durchaus sicher in der Rechtschreibung sind, vergisst die eine oder andere vor lauter Konzentration auf das Schönschreiben schon mal einen Buchstaben – sogar im eigenen Namen.
Natürlich ist so ein Abend nur ein Reinschnuppern in die vielen Möglichkeiten. Wir lernen verschiedene Stifte, Papiere und Schriftarten kennen. Waidmann erklärt uns, wie man einen Entwurf macht und ihn später noch kunstvoll, etwa mit Girlanden und Kränzen ausschmückt. Sie gibt uns viele gute Tipps und ermuntert uns, dran zu bleiben: „Seien Sie gnädig mit sich. Der Spaß steht im Vordergrund. Nach acht Mal Schreiben merkt man schon deutliche Fortschritte“.
Nahezu wöchentlich finden derzeit Grundkurse im Handlettering bei Büro Weiss statt und sie sind quasi immer ausgebucht. Meine Sitznachbarin Ute Horak ist extra aus Wendeburg gekommen.

Wie gemalt.

Handlettering ist die Kunst, Buchstaben „tanzen“ zu lassen, sie werden gezeichnet, nachbessern und verfeinern ist erlaubt. Im Gegensatz zur Kalligrafie, wo die Buchstaben mit der Feder oder einem Pinsel geschrieben werden. Ziel ist es, schon beim Schreiben die perfekten Buchstaben zu formen. Das Schöne am Lettering ist, dass bereits Unerfahrene ohne Vorkenntnisse mit etwas Übung tolle Ergebnisse erzielen können. Ein paar grundlegende Erklärungen zur Anatomie der Buchstaben und zu den unterschiedlichen Arten und Stilen der Schreibkunst sind aber hilfreich, und die liefert so ein Grundkurs allemal. Die frisch erworbenen Kenntnisse habe ich übrigens zu Weihnachten gleich umgesetzt: Ich habe einige Gutscheine für Events verschenkt und diese selbst „gelettert“. Das Ergebnis hat wirklich was hergemacht, und ich werde künftig häufiger darauf zurückgreifen. Es wirkt persönlicher, wertiger und vor allem: Es macht mächtig Spaß!

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