Hart, härter, Oomph!

Zum 30. Geburtstag bringt Oomph! ein neues Album heraus – Die NB sprach mit der Band

Flux (Gitarre, Sampling), Dero (Gesang, Schlagzeug) und Crap (Gitarre, Keyboard) gehen seit 30 Jahren kompromisslos ihren ganz eigenen Erfolgsweg Foto: Napalm Records

Wolfsburg. 2018 ist das Jahr der Wolfsburger Band Oomph!: Zum 30. Geburtstag erscheint mit „Ritual“ ihr 13. Album, das Trio geht auf Tour und tritt im Februar sogar mit einem großen klassischen Symphonieorchester live in Kiew auf.

Angefangen hat die Band 1989. Dero (Gesang, Schlagzeug), Flux (Gitarre, Samp-ling) und Crap (Gitarre, Keyboard)
gründeten Oomph! in Wolfsburg, als die Stadt noch ein bisschen schäbig und trist wirkte. Das VW-Werk gab den stetigen Takt von Arbeit und Leben vor. Oomph! fabrizierten dazu den passenden, kalt-stählernen EBM-Soundtrack mit provokanten Texten, parolenhaften Shouts und harten, tanzbetonten Rhythmen.
Über die Jahre entwickelte sich das Trio weiter, verschmolz fünf Jahre später Industrial, Metal und Gothic zu einem ganz eigenen, heftigen und düsteren Musikstil – der „Neuen Deutschen Härte“. Oomph! wurde damit zum Vorreiter eines Genres.
Mit „Ritual“ haben Oomph! ihr härtestes, dunkelstes und aggressivstes Werk – mit programmatischen Songtiteln wie „Tausend Mann und ein Befehl“, „TRRR – FCKN – HTLR“ oder „Lass’ die Beute frei“ – seit langen eingespielt. Themen wie Politik, Krieg und Missbrauch werden hier aktuell, eloquent und streitbar inszeniert. Die NB unterhielt sich mit Frontmann Dero.

Dero, mit „Ritual“ veröffentlicht ihr euer mittlerweile 13. Studioalbum. Was ist das Konzept dahinter?

Wir zogen uns nach unserer letzten überaus erfolgreichen Russlandtour erstmalig sofort ins Studio zurück, um die positiven Vibes, die vielen Emotionen und das unbeschreibliche Feedback von den Fans in neue Lieder umzuarbeiten. Üblicherweise nehmen wir uns nämlich nach einer Tour etwas Auszeit. Das Live-Feeling der Tour hat die Songs dann wahrscheinlich derart rifflastig und relativ hart werden lassen.
Darüber hinaus wollten wir einen Album-Titel, der möglichst vielseitig interpretierbar und sehr mysteriös wirkt. Das Cover-Artwork sollte auch dementsprechend gestaltet werden. Unser Leben ist ja immer noch voll von „Ritualen“, manche sind sehr hilfreich, andere völlig überflüssig weil längst überholt, wieder andere hindern dich als Mensch sogar zu wachsen, andere „Rituale“ sind überaus notwendig, um die eigene kulturelle Identität zu bewahren. Manche „Rituale“ sind sogar äußerst gefährlich und beängstigend, wie zum Beispiel „Ritualmorde“.

Was habt Ihr im Vergleich zu euren Vorgängerwerken verändert?

Wir haben uns erstmals in eine virtuelle „gedankliche Zeitmaschine“ gesetzt und sind bis in die Mitte der 90er Jahre gereist, um die Gefühle noch mal zu erleben, die uns damals zu den Erfindern der „Neuen Deutschen Härte“ haben werden lassen. Diese Emotionen haben wir dann mit unserem gefühlsmäßigen Status Quo versucht zu verknüpfen. So ist das Album eine Art Emotionshybrid aus alten und aktuellen Gefühlen geworden, was es so einzigartig macht.

Was symbolisiert das düster-mystische Horror-Artwork?

Man weiß nicht so recht, ob die junge Frau sich über ihre düstere „Krönung“ freut, oder ob sie die Krone aufgezwungen bekommt. Man fragt sich wer hinter diesem „Ritual“ steht…? Das Cover-Artwork sollte mindestens ebenso viele Fragen aufwerfen wie unsere Musik.

In euren Texten wird vor allem das Dunkle, Abgründige und Verstörende des menschlichen Daseins beleuchtet. Warum geht es so hart und fies darin zu?

Weil es bereits dermaßen viel „Friede-Freude-Eierkuchen“-Musik gibt, dass wir uns quasi als Antagonisten gegen die allgemeine Deutschpop-, Schlager- und Volksmusik-Verblödungsindustrie sehen, die hier ein wichtiges künstlerisches Gleichgewicht wiederherstellen wollen.

Was wollt ihr bei euren Hörern damit auslösen?

Wenn wir viele Fragen aufwerfen können, haben wir bereits viel erreicht. Es gibt heutzutage, da sich die Gesellschaft immer schneller verändert, viel zu viele Menschen, die meinen, ganz schlichte und einfache Antworten auf sehr komplexe Fragen zu haben! Hier ist meiner Meinung nach große Vorsicht geboten. Fragen sind weitaus wichtiger und zielführender als Antworten, wenn man mich fragt.

Wie würdest du die Stellung von Oomph! nach 30 Jahren in der Musikindustrie beschreiben?

Tapfer, wacker, stur und immer noch äußerst neugierig und überaus bissig!

Was habt ihr euch für das Jahr 2019 – und auch für die Zukunft – vorgenommen?

Wir werden im Februar ein Konzert mit Orchester in Kiew spielen. Letztes Jahre hatten wir bereist das Vergnügen dies in St. Petersburg und Moskau tun zu können. Es waren unvergessliche Gänsehautmomente. Wenn du mit einem über 50-köpfigen klassischen Symphonieorchester zusammenspielst, ist das ein einzigartiges Erlebnis.
Die Reaktionen der Fans waren darüber hinaus dermaßen überwältigend, dass wir uns dazu entschlossen haben, noch ein drittes Konzert in der Hauptstadt der Ukraine dranzuhängen.

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