16. Oktober 2015
Politisches

„Hier wird nichts verschwiegen“

BZ-Leserforum in Kralenriede: Anwohner und Fachleute über den Alltag mit Flüchtlingen.

Rappelvoll war der Saal der Ecclesia-Gemeinde an der Boeselagerstraße: Das Interesse an Gesprächen ist offensichtlich groß. Foto: T.A.

Von Ingeborg Obi-Preuß, 17.10.2015.

Braunschweig. „Ein guter Abend, eine gute Diskussion, aber es bleibt auch ein Dilemma“, sagte BZ-Lokalchef Henning Noske in Kralenriede, „denn nicht alle Probleme können gelöst, nicht alle Wünsche erfüllt werden.“

Beim Stadtteilabend „Kralenriede – wie ist die Lage, was können wir tun?“ in den Räumen de Ecclesia-Gemeinde in direkter Nachbarschaft zur Landesaufnahmebehörde (LAB) behielt Noske als Moderator die Fäden in der Hand, selten aufkeimende Gefühlsausbrüche konnte er direkt auffangen und in ein produktives Gespräch einbinden.
Und so war es ein inhaltsreicher, informativer Abend, nach (relativ) straffem Zeitplan wurden die Vertreter der LAB, aus Kirche, Stadtverwaltung, Polizei und dem DRK auf dem Podium zu Einzelthemen interviewt, anschließend bat Noske zur „Speakers Corner“ – heißt, alle Anwesenden waren aufgerufen, sich einzubringen. Das taten sie eifrig.
Den stärksten Applaus gab es immer wieder zu Beiträgen aus dem Publikum über positive Begegnungen mit den Flüchtlingen, beispielsweise im Supermarkt oder an der Bushaltestelle.
Aber – genauso viel Zustimmung gab es für die Klagen über Müll auf den Straßen und über Männer, die in größeren Gruppen angetrunken durch das Dorf zögen oder in Vorgärten pinkelten.
„Hier wird nichts verschwiegen“, machte Noske Mut, auch die nervenden, unangenehmen Dinge anzusprechen. Bei genauerer Betrachtung allerdings relativierten die Geschichten sich meist auf ärgerliche Einzelfälle.

„Viele Menschen fühlen sich in Kralenriede nicht mehr sicher aufgehoben“, sagte BZ-Chefredakteur Armin Maus und befragte dazu Polizeipräsident Michael Pientka. Der bemühte die Fakten zur Kriminalität, die sich nach einer neuesten Studie – zumindest für die gesamte Region „von Brome bis Braunlage“ – deutlich verbessert hätten. Gelächter im Publikum. Und als Maus die Besucher fragte, wer sich nicht mehr richtig wohl fühle in Kralenriede, gingen viele Arme in die Höhe.
„Hier in Kralenriede sind die Ladendiebstähle deutlich angestiegen“, sagte Pientka. Und auch die Fallzahlen für Körperverletzung. „Die allerdings ausschließlich innerhalb der Landesaufnahmebehörde“, machte der Polizeipräsident deutlich.
Objektiv sei der Stadtteil Kralenriede genau so sicher wie ganz Braunschweig, betonte er. Aber die Polizei nehme auch die subjektive Wahrnehmung der Menschen sehr ernst. Mit erhöhtem Streifeneinsatz und dem regelmäßigen Besuch mit dem Infomobil würde versucht, das Sicherheitsbedürfnis der Menschen zu verbessern.
Einige der rund 250 Besucher klagten über zu volle Busse und Haltestellen, eine Altenpflegerin sprach von den Ängsten der Bewohner ihrer Anlage direkt in LAB-Nachbarschaft. Einige ältere Frauen bestätigten diese Angst, eine andere erzählte eine positive Geschichte: „Wenn ich mit meinem Rollator an die Bushaltestelle komme, wird mir ein Platz angeboten“, erzählte die ältere Dame, „ich frage die fremd aussehenden Menschen, wo sie herkommen, sie erzählen mir mit leuchtenden Augen von ihrer Heimat. Man muss nur einfach den Kontakt suchen“, war ihre Empfehlung.
Ähnlich positiv beschrieb auch die LAB-Standortleiterin Christine Möricke-Abifade „ihre“ Bewohner. „Die Lage ist angespannt, keine Frage“, räumte sie ein, „wir haben es nicht mehr so geordnet, wie wir es lieben, aber es ist machbar“, zeigte sie sich zuversichtlich. Die meisten der Flüchtlinge in der LAB seien dankbar und friedlich. Angesichts der Überbelegung sei es bemerkenswert, wie diszipliniert der Alltag in der Unterkunft ablaufe. Angesprochen auf die angetrunkenen Männer, die auch in Vorgärten urinierten, versicherte sie, dass das eine ganz kleine Minderheit sei.
Moderator Henning Noske griff die Sorgen der Menschen auf und fragte nach dem Vorschlag aus der jüngsten Ratssitzung, eine Polizeiwache in Kralenriede einzurichten. „Das ist nicht effektiv, bindet zu viel Personal“, erklärte Inspektionschefin Cordula Müller. „Im Notfall sind unsere Beamten innerhalb ganz weniger Minuten vor Ort.“

Fakten zu „Sicherheit und Ordnung“

Nachfrage bei Stadt und Polizei

Sozialdezernentin Andrea Hanke betonte den Einsatz der Verwaltung, um die Situation in der LAB, aber auch in Kralenriede so gut es gehe positiv zu beeinflussen. Hier eine Auswahl der zusätzlichen Maßnahmen: Es wurden zwei Toilettenhäuschen (Dixieklos) aufgestellt, die Reinigungsintervalle der öffentlichen Flächen und der Bushaltestellen verstärkt (überwiegend täglich), tägliche Leerung der Abfallkörbe; die Buslinien fahren auch zur LAB, auch nachts noch Beleuchtung aller Straßenlaternen, außerdem sei der Zentrale Ordnungsdienst häufiger unterwegs. Die Boeselagerstraße wurde als Anliegerstraße ausgewiesen und ein ständiger „Runder Tisch“ zum Thema Flüchtlinge ist eingerichtet. Daneben ist das Gesundheitsamt eingebunden, Turnhallen stehen zur Verfügung und vieles mehr.

Cordula Müller, Leiterin der Polizeiinspektion, appellierte, jede Straftat, Beleidigung oder Ordnungswidrigkeit (auch Pinkeln im Vorgarten) der Polizei zu melden. Für Kralenriede betonte sie auf Nachfrage, dass lediglich der Tatbestand des Diebstahls höher liege als im Vorjahr. Alle anderen Vorwürfe gehörten fast immer in die Gerüchteküche. „Wir haben in diesem Jahr einen einzigen Fall sexueller Belästigung.“ Die Einsätze innerhalb der LAB seien zwar häufig, meistens aber Bagatellfälle. Allerdings sei die Außenwirkung groß, da immer mehrere Streifenwagen in die LAB fahren würden. Die Einsätze in Kralenriede waren fast ausnahmslos Fehlalarme, unter anderem, weil ein Supermarkt die Öffnungszeiten verkürzte, Flüchtlinge das nicht lesen konnten und an der Tür gerüttelt haben.

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