„Ich bin zu weiß, um schwarz zu sein“

Eintracht-Spieler Mushaga Bakenga schenkt „Idioten keine Aufmerksamkeit“– Er konzentriert sich auf den Sport und genießt sein Leben.

Im Sport ist Teamgeist Ehrensache: Hier freuen sich gemeinsam über ein Tor: (v.l.) Mushaga Bakenga, Dennis Kruppke, Marcel Correia. SH

Von Elmar von Cramon, 20.02.2015.

Braunschweig. Bis zum Sommer läuft bei Eintracht das Aktionsjahr für Toleranz, Vielfalt und Respekt. Hier fragen wir in Interviews einige Spieler nach ihrem Leben in Braunschweig. Wir sprechen über ihren sportlichen Werdegang und lassen uns aus ihrem Alltag erzählen. Das erste Porträt führte nB-Redakteur Elmar von Cramon mit dem norwegischen Nationalspieler Mushagalusa „Mush“ Bakenga, der zu Saisonbeginn vom belgischen Erstligisten FC Brügge nach Braunschweig kam.

?Mush, wie bist Du aufgewachsen?

!Ich bin in Trondheim, der drittgrößten Stadt Norwegens geboren. Ursprünglich stammt meine Familie aus dem Kongo. Als Kleinkind war ich mit meinen Eltern dort im Urlaub, um den Rest der Familie kennenzulernen. Dann brach der Bürgerkrieg aus, und für uns begann eine abenteuerliche Odyssee. Meine Mutter arbeitete damals für die Uno und landete wie auch immer auf einer „schwarzen Liste“ der Rebellen, sodass wir flüchten mussten. Für uns als Kinder war das Ganze relativ abenteuerlich: Wir zogen in einer Gruppe von 40 bis 45 Personen umher und schliefen nachts unter anderem in verlassenen Schulgebäuden. Für die Erwachsenen muss es ein echter Albtraum gewesen sein, allerdings ließen sie uns Kinder das nicht spüren. Während dieser Zeit kam auch meine Schwester zur Welt, erst nach drei Jahren konnten wir nach Norwegen zurückkehren.

?Was hat Dich zum Fußball gebracht?

!Als meine Freunde mit dem Kicken begannen, war ich auch mit von der Partie, viele hörten aber wieder auf, sodass ich mit 12 ebenfalls eine Pause machte. Danach ging alles sehr schnell: Ich fing wieder an, schoss viele Tore, und bekam auf einmal eine Einladung vom FC Chelsea zu einem Probetraining. Völlig verrückt das Ganze, schließlich hatte ich sechs Monate zuvor gar nicht mehr gespielt!
In London war alles sehr beeindruckend, sie hätten mich auch gerne genommen. Allerdings war ich noch zu jung und wollte nicht auf die fantastischen Kochkünste meiner Mutter verzichten (lacht). Da Rosenborg Trondheim mir zur selben Zeit auch ein Angebot machte, blieb ich in Norwegen.

?Was gab den Ausschlag den Sprung ins Ausland nach Belgien zu wagen, und wie bist Du dort zurechtgekommen?

!Nachdem mir der Sprung in die Junioren-Nationalmannschaft gelungen war, hatte ich auch im Verein bei Rosenborg eine erfolgreiche Zeit und bekam ein Angebot eines Bundesligisten. Die Geschichte zerschlug sich in letzter Minute und kurz danach fragte der FC Brügge an: Ich entschied mich zu einem Wechsel, ich war bereit dafür, meine Heimat zu verlassen.
Die Eingewöhnung fiel mir in Belgien nicht schwer: Ich hatte schnell Anschluss im Team und habe Freunde gefunden. Die einzige Herausforderung war der Coach, Christoph Daum. Seine Art ist schon speziell, und nie zuvor hatte ich drei Stunden am Stück trainiert. Seine Methoden fruchteten, und wir wurden Zweiter. Er hat aus uns definitiv ein stärkeres Team gemacht.

?Danach wurdest Du an den Ortsrivalen Cercle Brügge ausgeliehen, bevor Du über Esbjerg in Braunschweig gelandet bist, wie hast Du die weiteren Stationen Deiner Karriere erlebt?

!Zwischen dem FC Brügge und Cercle herrscht große Rivalität, übelgenommen haben mir die Fans den Wechsel aber nicht. Außerdem wollte ich gerne in der Stadt bleiben, deshalb war es für mich o. k. . Nach einer guten Saison dort hatte der neue Coach des FC Brügge keine Verwendung für mich, deshalb wurde ich nach Esbjerg ausgeliehen. Dort konnte ich mich zeigen und hatte die Möglichkeit, in der Europaleague anzutreten. Es lief gut, und nun freue ich mich, in Braunschweig zu sein.

?Viele Spieler in Deinem Alter sind talentiert, scheitern aber bei einem Auslandswechsel. Woran liegt es, dass Du besser zurechtgekommen bist als andere?

!Ich glaube, dass vielen Menschen nicht wirklich klar ist, dass es nicht nur um Fußball geht, wenn man als Spieler in ein anderes Land wechselt. Man muss sich auch neben dem Platz auf viele neue Dinge einstellen und meistens auch auf eine andere Sprache.
Freunde von mir haben die Erfahrung gemacht, dass es nicht ihr Ding ist, im Ausland zu spielen. Wenn du außerhalb des Platzes unglücklich bist, wirst du sicherlich nicht deine optimale Leistung bringen können. Bei manchem Spieler dauert das eben länger, doch Zeit ist oft nicht vorhanden.
Um Erfolg zu haben, musst du dich also möglichst rasch auf alles einstellen.

?Was für Dich als ausgeliehenen Spieler insbesondere gilt …

!… Fußballprofi zu sein ist mein Beruf, deshalb muss ich damit umgehen. Ich versuche, nicht daran zu denken und mein Bestes zu geben, hart zu arbeiten und bereit zu sein, wenn meine Chance kommt.

?Abseits des grünen Rasens bist Du sehr aktiv auf Twitter und hast über 13 000 Follower. Was möchtest Du den Leuten über Deine Tweets mitgeben?

! Viele interessiert das Fußballerische, ich versuche das Medium auch gezielt für Dinge zu nutzen, die ich darüber hinaus als wichtig erachte. Im letzten halben Jahr war das vor allem eine Menge über den Kongo oder meinen Onkel, der den „Alternativen Nobelpreis“ gewonnen hat.

?Dein Onkel Dr. Denis Mukwege, behandelt als Chirurg die Opfer von Massenvergewaltigungen im kongolesischen Bürgerkrieg. Was bedeutet sein Engagement für Dich, und wie steht Ihr im Kontakt?

!Er ist mein großes Vorbild. Vielen ist nicht klar, wie viel er aufs Spiel setzt, um den Frauen zu helfen. Er stellt sich extrem gefährlichen Leuten in den Weg und lehnt es trotz der Gefahr für sein eigenes Leben ab, die Opfer im Stich zu lassen. Im vergangenen Jahr versuchte ein Killerkommando, ihn in seinem Haus umzubringen. Ich habe unglaublich viel Respekt vor dem, was er tut. In Belgien haben wir uns häufiger gesehen, ansonsten steht unsere Familie über Skype in Kontakt.

?Hast Du jemals Erfahrungen mit Rassismus beim Fußball gemacht?

!Bei einem U16-Länderspiel in Polen machten die Leute Geräusche und schmissen Bananen, nachdem ich gerade ein Tor geschossen hatte. Ich habe darüber gelacht und diesen Idioten weiter keine Aufmerksamkeit geschenkt. Ein kleiner Prozentsatz der Menschheit, der mich nicht interessiert.

?Was sind für Dich die größten Unterschiede zwischen Norwegen und Deutschland?

!In Norwegen ist alles sehr teuer, ich glaube es ist eines der teuersten Länder der Welt.
Darüber hinaus vor allem das Klima, in Deutschland ist es deutlich wärmer.

?Gibt es etwas, was Du als „typisch deutsch“ bezeichnen würdest?

!Mir fällt auf, dass die Leute hier meistens sehr freundlich sind und einen mit „offenen Armen“ empfangen, das ist vor allem zu Belgien und Dänemark ein Unterschied.
Ansonsten, dass sich die Menschen hier an die Regeln halten: Mit neun Uhr ist nicht fünf nach neun gemeint, und an einer roten Ampel geht man nicht über die Straße.

^