28. November 2020
Politisches

„Ich wünsche mir wieder mehr Normalität“

Das Bündnis gegen Rechts hatte zur Demo an der Synagoge aufgerufen – 800 Teilnehmer kamen

Das „Bündnis gegen Rechts“ hatte sich am Dienstagabend solidarisch mit der jüdischen Gemeinde gezeigt. Gastredner Renate Wagner-Redding und Michael Fürst nahmen zu den jüngsten Aktionen von rechten Gruppen und Querdenkern Stellung.

Innenstadt. „Das ist eine weitere Stufe der Eskalation“, ist Udo Sommerfeld vom „Bündnis gegen Rechts“ überzeugt. Was war passiert? Am Dienstag hatte die Partei „Die Rechte“ eine Mahnwache in der Nähe der jüdischen Synagoge abhalten wollen. Die Stadt hatte den Ort bereits im Vorfeld für unzulässig erklärt. Aber die Aktion steht in einer Reihe von rechtsextremen „Nadelstichen“ und Protesten der Querdenker – für Udo Sommerfeld ein neuer „widerlicher Höhepunkt“.

Das „Bündnis gegen Rechts“ hatte deshalb am Dienstagabend zu einer Gegendemo aufgerufen. Rund 800 Menschen versammelt sich an der jüdischen Synagoge in der Steinstraße. Die Partei „Die Rechte“ hatte ihre Mahnwache noch am selben Tag abgesagt.

Nicht nur der Ort dieser Aktion hatte für Empörung gesorgt. Auch die Zeit, in der diese stattfinden sollte – 19.33 bis 19.45 Uhr – trieb die Menschen auf die Straße. „Nazis aller Schattierungen, Querdenker, Reichsbürger und Verschwörungstheoretiker versammeln sich mittlerweile im Wochentakt in Braunschweig und bringen ihren Rassismus, ihren Antisemitismus und ihre kruden Verschwörungstheorien auf die Straße“, schimpfte Sommerfeld. Er bezog sich dabei auf eine Versammlung, die die „Rechte“ am Volkstrauertag auf dem Löwenwall abhielt, sowie auf eine angemeldete und später abgesagte Demo der Querdenker, die als Anfangszeit 18.18 Uhr gewählt hatten – in rechten Kreisen eine Verklausulierung für AH, Adolf Hitler.

Gastrednerin Renate Wagner-Redding, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, sieht die Entwicklung nüchtern: „Der Antisemitismus war nie weg, er hat nur neue Formen gefunden.“ Die Corona-Pandemie hätte alte Vorurteile wieder aufleben lassen. „Die Juden sollen die Verursacher der Pandemie sein“, zitiert sie eines der Argumente der Verschwörungstheoretiker, die im Netz kursierten und macht sich Sorgen: „Unsere Demokratie ist gefährdet. Sie scheint nicht mehr selbstverständlich zu sein.“ Wagner-Redding wünscht sich deshalb, dass vorhandene Gesetze strenger angewendet werden.

Michael Fürst, Vorsitzender des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen und zweiter Gastredner, kann über manche Vergleiche der Querdenker nur den Kopf schütteln. „Sie fühlen sich verfolgt. Sehen sich als Opfer, ziehen Parallelen zu Sophie Scholl und Anne Frank.“ Sein Wunsch: wieder mehr Normalität. „Ich möchte keinen Stacheldraht um die Synagoge und am liebsten auch keinen Polizeischutz. Den brauchen die katholischen und evangelischen Kirchen auch nicht.“

Die Solidaritätskundgebung verlief friedlich. Sämtlich Corona-Regeln wurden von den Demonstranten eingehalten.

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