24. Juni 2014
Menschen

„Ich ziehe mich völlig aus der Politik zurück“

Am kommenden Sonnabend (28. Juni) verabschiedet sich Oberbürgermeister Dr. Gert Hoffmann im Städtischen Museum aus dem Amt.

Oberbürgermeister Dr. Gert Hoffmann in seinem Amtszimmer im Rathaus. Foto: T.A.

Von Ingeborg Obi-Preuß, 25.06.2014.
Braunschweig. Oberbürgermeister Dr. Gert Hoffmann verabschiedet sich öffentlich am Sonnabend ab 11 Uhr im Städtischen Museum aus seinem Amt. Im nB-Interview spricht er über 13 Amtsjahre, Meilensteine, Enttäuschungen und das Leben „danach“.

? Wie haben Sie Braunschweig 2001 wahrgenommen, welchen Eindruck machte die Stadt auf Sie?

! Ich war ja immerhin schon von 1980 bis 1991 Stadtdirektor in Gifhorn und dienstlich mehrfach in der Stadt (Bezirksregierung). Aber da bin ich praktisch nur zum Bohlweg hingefahren und wieder zurück und kannte nur die etwas trostlose Gegend links und rechts des Bohlwegs oder die Gegend um den Bahnhof, als ich in den 90er Jahren oft hierüber nach Dessau fuhr. Alles nicht toll. Aber dann habe ich diese „Traditionsinseln“ und die Oker kennengelernt und war begeistert. Gewissermaßen „Liebe auf den zweiten Blick“.

?Wie sind Sie empfangen worden?

!Überwiegend sehr skeptisch, aber für den harten Kern der CDU-Leute war ich natürlich der „Hoffnungsträger“.

? Sie sind 2001 mit einem ambitionierten Wahlprogramm angetreten, konnten sie umsetzen, was Ihnen wichtig ist?

!Ich habe tatsächlich schon nach kurzer Zeit alles umsetzen können (Haushaltssanierung, Teilprivatisierung Stadtwerke, Kulturhauptstadtbewerbung, schnellere Entscheidungsprozesse, Sauberkeit, Bürgersprechstunden) – das, was jetzt am Ende als die großen „Meilensteine“ genannt wird (Wiederaufbau Residenzschloss, Ausbau Flughafen, Eintracht-Stadion, Wissenschaftsstadt, Landessparkasse), habe ich 2001 gar nicht versprochen, gar nicht vorhergesehen.

? Welches dieser Projekte liegt Ihnen am meisten am Herzen? Was ist für die Stadt besonders wichtig, welches Projekt war am schwierigsten umzusetzen?

!Von diesen Projekten war schon die härteste und schwierigste Auseinandersetzung die um den Wiederaufbau des Residenzschlosses. Dabei ging es ja nicht nur um Widerstände wegen der Schlosspark-Beseitigung und grundsätzliche Rekonstruktions-Gegnerschaft in Bezug auf solche Gebäude. Sondern zusätzlich kam der starke Widerstand aus der Kaufmannschaft. Das stand ganz schön auf der Kippe, und solche hart umkämpften Erfolge (mit einer Stimme Mehrheit!) behält man dann natürlich besonders und für immer in Erinnerung. Hart war auch der Kampf mit der Landesregierung in Sachen Landessparkasse. Für die Stadt langfristig am bedeutendsten war der Ausbau des Forschungsflughafens und seine Entwicklung zum großen Verkehrs-Cluster unseres Landes.

? Das Thema Regionsbildung schieben Sie seit Jahren so gut es geht voran, sehen Sie Fortschritte? Wollen und können Sie sich dafür weiter einsetzen?

!Immerhin ist inzwischen eine große Mehrheit so wie ich der Auffassung, dass der Status quo so nicht haltbar ist. Ob aus dieser Erkenntnis jetzt endlich die notwendigen Schritte gezogen werden, kann ich derzeit nicht verlässlich einschätzen. Ab dem 1. Juli ziehe ich mich völlig aus der Politik zurück, und das gilt auch für dieses Thema.

? Haben Sie Fehler gemacht, oder besser: Was würden Sie in der Rückschau anders machen? Beispiel Kitagebührenfreiheit?

!Natürlich habe ich Fehler in fast 13 Jahren gemacht, auch eine Menge. Beispielsweise bei manchen Personalentscheidungen. Zum Beispiel, nicht intensiv beim Wiederaufbau des Schlosses darauf geachtet zu haben, dass die Eingang-Situation schlossartig werden würde – da muss man irgendwann noch einmal nachbessern. In den großen und wichtigen Themen habe ich wohl keinen Fehler gemacht. Aber meine Gegner glauben, ich hätte geradezu alles falsch gemacht. So unterschiedlich kann man das sehen.
Die Sache mit den Kitagebühren war nicht falsch, nur hätte man vielleicht damals deutlicher kommunizieren müssen, dass das nur so lange gelten kann, solange die Stadt gute Steuereinnahmen hat. Aber der Bevölkerung ist das jetzt klar.

? Fühlen Sie sich in Braunschweig richtig verstanden?

!Wenn man mit 58 Prozent im ersten Wahlgang wiedergewählt wird und bei weiteren Umfragen eine Zustimmungsquote von zuletzt 69 Prozent (2013) hatte, kann man sich schon „richtig verstanden“ fühlen.

? Gab es Zeiten, in denen Sie gern aufgehört hätten?

!Nur in der unmittelbaren Anfangsphase der Kandidatur. Da gab es so viel Gegenwind, dass ich das Ganze doch für ziemlich sinnlos hielt.

? Was geht/ging Ihnen in Braunschweig und in Ihrem Amt am meisten auf die Nerven?

!Da könnte ich Ihnen jetzt sehr viel dazu sagen. Aber wenigstens zum Abschied will ich mich denn dann doch einmal bemühen, nicht so direkt zu sein. Ich möchte ja im Ruhestand überwiegend freundlich zurückgegrüßt werden.

? Was denken Sie, womit Sie anderen Menschen auf die Nerven gehen?

!Mit einer gewissen Pedanterie und dem stetigen Streben nach „Hundertprozentigkeit“, mit meiner Penetranz nie locker zu lassen, wenn ich meine, dass mein Gegenüber die Sache falsch sieht oder nicht verstanden hat, mit meiner Direktheit in der Debatte und schließlich mit meiner Ungeduld bis ins Alter.

? Fällt Ihnen der Abschied schwer?

!Nicht vom OB-Amt nach fast 13 Jahren und nicht von der Politik nach knapp 40 Jahren. Sonst hätte ich ja auch nicht freiwillig vier Monate vor dem eigentlichen Ende meiner Amtszeit aufgehört. Aber dass damit jetzt auch der wirklich allerletzte Abschnitt in meinem Leben eingeläutet ist, stimmt einen schon etwas nachdenklich und führt zu Reflexionen auf das Ende hin.

? Was würden Sie gern ändern – an dem Amt, an der Stadt?

!Ich habe ja schon viel geändert gegenüber 2001 und würde es weiter so machen, wenn ich im Amt bliebe. Aber jetzt ist ein anderer dran, und der wird sicher zu Recht auch wieder vieles ändern und Neues einführen. Und der braucht und bekommt keine Ratschläge von seinem Vorgänger.

? Was ist an Ihrem Amt besonders kräftezehrend, gibt es besondere Enttäuschungen?

!Natürlich ist das Amt schon vom zeitlichen Einsatz her, aber auch von dem extremen Maß an Verantwortung, welche ein direkt gewählter Oberbürgermeister und Chef eines Konzerns hat, kräftezehrend. Vor allem wenn man dann über 65 ist, und der Druck von außen ja nicht nachlässt. Enttäuschungen gab es, wenn Menschen, auf die man gesetzt, denen man geholfen hat, nicht ehrlich und loyal waren.

? Pläne für die Zeit danach?

!Natürlich habe ich schon eifrig Pläne für die Zeit danach gemacht. Aber dabei geht es weniger um „Funktionen“ oder gar um „Politik“, sondern vor allem um Privates und lange Aufgeschobenes. Meine Frau und ich wollen und werden viel verreisen, und vielleicht kann ich als Ehemann, Vater und Großvater einiges nachholen von dem, was ich als stets das Familienleben dem Dienst unterordnender Amtsträger versäumt habe. Einigen – Wenigen! – werde ich meinen fachlichen Rat zur Verfügung stellen. Als Präsident der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz bin ich gerade für drei Jahre gewählt worden. Und vor allem möchte ich in den nächsten drei bis vier Jahren meine Lebenserinnerungen zu Papier bringen. Auf diese „Aufbereitung“ meines Lebens, verbunden mit viel Lektüre von Büchern aus diesem Zeitraum und im Zusammenhang damit, freue ich mich schon seit einiger Zeit. Mit alledem und der mit zunehmendem Alter häufiger werdenden Besuchszeit in medizinischen Einrichtungen werde ich wohl gut ausgelastet sein.

? Freut sich Ihre Frau auf Ihren Ruhestand?

!Ja, sie ist in den letzten Jahrzehnten – und insbesondere seit ich nicht mehr in Gifhorn in Ämtern war – schließlich oft genug allein gewesen und hat manches entbehrt, was eigentlich in einer guten Ehe normal ist. Wenn mir das Leben noch genug Zeit gibt, wollen wir einiges nachholen und freuen uns jetzt auf das vierte Enkelkind. Und das freut sich hoffentlich auf einen ihm zugewandten Opa.

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