15. Mai 2022
Buntes

Idyllische Natur, aber auch bittere Armut …

Auszeit vom Alltag: Redakteur Torben Dietrich ist sechs Monate unterwegs

Acht Uhr morgens und draußen sind es knapp über null Grad. Der kalte Wind weht die salzige Feuchtigkeit vom nahen Nordpazifikstrand herüber, die auch durch geschlossene Fenster dringt. Auf der wärmeren Seite sitzen wir, draußen vor der Doppelglasscheibe hockt eine Frau in dickem Holzfällerhemd neben ihrem roten Pick-up auf dem Parkplatz. Auf dem Fahrersitz bellt ein Schäferhund, sie selbst beugt sich über einen kleinen mobilen Grill, ein paar armselige Würste brutzeln da, die Zigarette in ihrem Mund vertreibt vielleicht noch zusätzlich etwas von der klammen Morgenkälte.

Sie ist nicht die einzige Heimatlose, auf die wir in diesem rührigen, etwas einsamen Motel an der Nordwestküste der USA treffen. In dem etwas siffigen Schwimmbad der Anlage treffen wir vier Kinder, die mit ihren Eltern bereits seit sieben Monaten in einem Motelzimmer wohnen. Sie wirken nicht glücklich, eher abgeklärt. „Wir machen hier sozusagen gerade Sportunterricht“, erklärt die älteste Tochter.
Am gleichen Abend unterhalten wir uns mit einer Frau an der Rezeption, die „einfach eine Auszeit braucht“, wie sie sagt. Sie ist wohnungslos und lebt mit ihren zwei Kindern seit einem halben Jahr bei der Schwiegermutter. „Dort ist aber nur sehr wenig Platz für uns alle“, beschreibt sie die Situation.
In bitterer Armut lebende Obdachlose sehen Katharina und ich auch in Portland. Ihre oft vom Wetter gezeichneten Zelte und unter Planen festgezurrte Einkaufswagen finden sich fast allerorts. Unter Straßenbrücken und auf Grünstreifen, neben Highway-Auffahrten und vor dem Bahnhofseingang. Und auf den Bürgersteigen mitten in der Stadt.

Pam Ryan erzählt den Weltreisenden, dass die Corona-Pandemie viele Menschen erst den Job, dann die Wohnung gekostet hat. Foto: Torben Dietrich

„In Portland findet ihr viel frische Armut“, hatte uns Pam Ryan (kleines Foto) vorgewarnt. „Vor allem die Pandemie hat viele Menschen den Job und damit auch fast gleichzeitig die Wohnung gekostet, die vorher jahrelang einen anständigen Job hatten.“ Sie selbst ist Grafik-Designerin und gehört nicht zu den Unglücklichen. Auf dem riesigen Gelände, das der großen, tatkräftigen Frau aus dem mittleren Westen und ihrem Mann Tommy, Senior Pilot bei United Airlines, gehört haben wir in den vergangenen eineinhalb Wochen angepackt, haben Hügelbeete und eine Drainage angelegt. Dafür durften wir in einem riesigen, komfortablen Holzhaus übernachten.

Die – man muss schon sagen – Ländereien umfassen ausgedehnte Wiesen, Berge, Wälder mit einer Schwarzbärenfamilie, einer Alpaka-Herde und vielen wilden Truthähnen und einem idyllisch dahinplätschernden Bach. Hier fühlen wir uns weit weg von all den Problemen und sind sehr dankbar, das Land auf diese Weise bereisen zu können. Wir dürfen einfach die Natur genießen, etwa beim Wandern durch den Smith Rock State Park oder den Crater Lake National Park. Und bei null Grad können wir einfach die Heizung anwerfen oder Holz hacken und Feuerholz nachlegen.

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