Im Vorwärtsgang und immer am Ball

Der 71-jährige Unternehmer Harald Tenzer hat die Stadt und den Sport geprägt – jetzt bekam er das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Harald Tenzer vor seiner ATP-Galerie. Foto: Thomas Ammerpohl

Von Ingeborg Obi-Preuß, 27.06.2015.

Braunschweig. Gerade hat ihm Oberbürgermeister Ulrich Markurth das Bundesverdienstkreuz ans Revers geheftet, eine Auszeichnung, über die sich Harald Tenzer richtig freut. Denn – die Liste seiner Ämter und Ehrenämter ist lang, die Anerkennung dafür hält sich mitunter in Grenzen.
So hat es auf die Bekanntgabe der Wahl „seines“ Tennisturniers zum „ATP Challenger of the Year“ relativ wenig Reaktionen gegeben. Zumindest lokal. „Es gab Glückwünsche aus aller Welt, aber hier in Braunschweig war es recht still“, wundert sich Tenzer ein wenig.

Aber auch nicht wirklich, denn der 71-jährige Unternehmer kennt das Leben: Er hat mit seinem Mineralölvertrieb, der Tenzer GmbH & Co. KG, auch schwierige Zeiten stemmen müssen, kennt schlaflose Nächte, erlebte als Eintrachtpräsident das Tal der Tränen und den Rausch des Aufstiegs, hat eine Unmenge guter Bekannter, aber wenige wirklich enge Freunde, war in der Politik aktiv, bis er sein CDU-Parteibuch zurückgeben hat, hat Kinder und Enkelkinder. Ein Mann im Vorwärtsgang.

Vieles hätte aus Harald Tenzer werden können – die Bundeswehr stellte ihm eine Karriere bei der Nato in Aussicht, das Studium der Politikwissenschaften in Berlin lief glänzend an – ein junger Mann mit Talenten, gut aussehend, sportlich.
Aber – beim Bund war ihm die Zukunftsgestaltung zu ungewiss, und das Studium wurde durch das Schicksal beendet. „Im April ’66 hatte ich am Otto-Suhr-Institut mit den ersten Vorlesungen begonnen, im September erkrankte mein Vater an Krebs“, blickt Tenzer zurück. Für ihn gab es keine Frage: Nach Hause und „den Laden“ übernehmen.
Kaufmannsausbildung statt Studium, praktische Arbeit statt Wissenschaft. Für Harald Tenzer kein Problem, er gehört zu denen, die anpacken, machen, gestalten – egal, wo er gerade steht.
Jetzt eben Braunschweig. Und wenn, dann richtig. Der Großvater hatte die Fabrikation mit Fetten und Ölen von Rohölen aus Russland und Rumänien begonnen, der Vater das Geschäft mit dem Handel von Ölen und Fetten aufgebaut, Sohn Harald baute es zu einem modernen Mineralölvertrieb aus und wurde Partner des Esso Konzerns. Daneben immer und immer mehr: Ehrenamt und Engagement.
Gaaaanz wichtig: die Eintracht. Und – zumindest heute – genauso wichtig: die Sparkassen Open. Für „seine“ Eintracht hat Harald Tenzer die sprichwörtlichen Berge versetzt. Nach dem Ausstieg von Jägermeister, (O-Ton des damaligen Unterstützers Mast: „Das war’s“) hatte Harald Tenzer den Verein mit der Gründung des Sponsoren-Pools vor dem Abstieg in die Bedeutungslosigkeit bewahrt.
Schier unglaubliche Geschichten kann er aus dieser Zeit erzählen, fischt dabei immer wieder ein anderes Foto aus seinem „Eintrachtkoffer“, kommt von einer verrückten Begebenheit zur nächsten. Wie das Heimspiel gegen Meppen zum Beispiel, „da hat die Stadt uns einen Bretterzaun vor die Gegengerade gebaut.“ Rund 18 000 Zuschauer waren da, das Fernsehen hat gesendet, die Gäste sind zum Teil über den Zaun geklettert – unglaubliche Zustände. „Baufällig“, hieß das Argument der Stadt, das Spiel sollte abgebrochen werden.
„Ich habe als Hausherr den Ordnungsamtsleiter aus dem Stadion verwiesen“, erzählt Tenzer, „ein Abbruch war unmöglich, wir hätten Massenpanik bekommen.“
Das Verhältnis zur Stadtverwaltung war damals denkbar schlecht, Tenzer und Stadtdirektor Bräcklein – das passte gar nicht.

Aber im SPD-Mann Gerhard Glogowski (Oberbürgermeister, Innenminister und schließlich Ministerpräsident) hatte Tenzer eine Art Seelenverwandten gefunden (was ihm die CDU sehr übel nahm), sechs Millionen Mark gab es schließlich vom Land, für insgesamt 25 Millionen Mark wurde das Eintrachtstadion saniert. „Durch die Zuschüsse vom Land konnte ich die Überdachung der Südkurve durchsetzen“, sagt Tenzer, „da wuchsen damals noch die Birken auf einem Erdhügel.“
Ende der 80er, „das war meine Zeit im Fußball“, schwärmt er und erzählt vom legendären 5:1 gegen Schalke 04 in Gelsenkirchen, von Tino Löchelt, der nach dem 5:0 zur Trainerbank läuft und ihm zuruft „Trainer, wir können kein Tor mehr schießen“ – „Warum?“ ruft Trainer Uwe Reinders, Löchelt: „Es passt nicht mehr auf die Anzeigentafel.“ Tenzer berichtet vom Trainingslager in Bahrain, wo sich drei wichtige Spieler verletzt haben, vom Pokal-Sieg auswärts gegen Dortmund, von Begegnungen mit Beckenbauer, Seeler oder Walter, aber auch mit den Großen aus Politik und Showbusiness: Ursula Andress war seine Tischdame, Richard von Weizsäcker oder Hannelore Kohl seine Gesprächspartner bei verschiedenen Charity-Veranstaltungen.
Immer wieder hat Tenzer als Eintrachtpräsident Geld für „seinen Verein“ organisiert, den Leistungssport ausgebaut, einen Kunstrasenplatz für die Hockeydamen realisiert und vieles mehr. Die Straßenbahnwerbung mit der Fußballmannschaft zum Beispiel ist seine Idee. „Da waren wir wie mit dem Pool bundesweit ganz vorn“, erzählt er stolz.
Auch für „seine Stadt“ ist der Unternehmer immer wieder in den Ring gestiegen, hat sich in den Gremien rumgestritten, mit Parteifreunden überworfen, wenn es denn der Sache diente. So setzte er sich als IHK-Vize für den Erhalt der Landesanteile an der Salzgitter-AG ebenso ein wie für den Bau der Schloss-Arkaden.

Harald Tenzer wirkt zufrieden damit, wie es bis hier gelaufen ist. Er weiß den Erfolg zu schätzen und zu genießen. „Als ich Kind war, haben wir in der Marthastraße gewohnt“, blickt er auf einfache Verhältnisse zurück, „einmal in der Woche wurde gebadet, im Winter hatten wir Eisblumen an den Fenstern.“ In den Ferien ging es mit rund 1000 anderen Braunschweiger Gymnasiasten nach Sylt ins Zeltlager Dikjen Deel. „Wir haben in alten Wehrmachtszelten geschlafen, in denen es durch die Löcher regnete, wir hatten Stroh unter unseren Schlafsäcken und auf dem Frühstücks-Tisch stand ein Fünf-Kilo-Eimer Zentismarmelade und aufgeschnittenes Brot. Und doch war es einfach herrlich“, schwärmt er.
Heute arbeitet er noch immer viel, genießt aber auch mit seiner Frau Regina die schönen Seiten des Lebens: das Haus in Mascherode, das Urlaubsdomizil in Südfrankreich. Vor allem hat er ihr versprochen, dass die Ferien der gemeinsamen Tochter Luisa (fast 16) immer auch Familienferien sind.
„Meine Kinder aus erster Ehe habe ich seltener gesehen“, sagt Tenzer. Daraus hat er gelernt. „Doch auch heute habe ich noch immer zu wenig Zeit für meine Familie“, räumt er ein, „aber ich denke, das geht allen Selbstständigen so.“
Für die Zukunft wünscht er sich vor allem Gesundheit für sich und seine Lieben. Und weiterhin genug Kraft, um seinen Weg noch eine Zeit lang im gleichen Tempo weitergehen zu können. Seine Brunswiek Marketing GmbH, die das ATP-Turnier vermarktet und organisiert, will er langfristig sichern. „Dieses Turnier wandert nicht ab nach Asien“, sagt er kämpferisch. Immerhin startet nächsten Samstag die 22. Auflage; in Braunschweig wurden Stars wie Carlos Moya, Gustavo Kuerten, Juan Carlos Ferrero oder David Ferrer geboren.
Und mit dem Award als „ATP Challenger of the Year“ sind die Sparkassen Open als einziges Challenger-Event bisher zweimal als weltbestes Turnier ausgezeichnet worden. Die Trophäe wird Harald Tenzer im Herbst in London anlässlich der ATP-Finals der acht besten Tennisspieler der Welt überreicht. „Das ist für uns eine Freude, Ehre und Ansporn“, sagt Tenzer. Wie das Bundesverdienstkreuz. Eine schöne Anerkennung mehr.

Ehrenamt

Einige Ehrenämter von Harald Tenzer: 1982 bis 2012 Vorstandsmitglied der Unternehmerverbände Niedersachsen. 1995 bis 2012 IHK-Vizepräsident, 1985 bis heute Handelsrichter am Landgericht, 1986 bis 1996 Ratsherr und Vorsitzender im Wirtschaftsausschuss, 1987 bis 1995 Präsident von Eintracht Braunschweig, 1989 bis 1996 Mitglied im Liga-
ausschuss (heute Ligavorstand DFL).
Seit 2006 Ausrichter und Organisator des Fußballturniers für Cura (Anlaufstelle für Straffällige).

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