31. März 2021
Buntes

In aller Deutschigkeit

In 80 Tagen um die Welt - Vol. III, Folge 7

London, Anfang der 1970er Jahre. Foto: privat

In London war das, 1971, ich war 16. Mit den Braunschweiger „Möwe Jugendreisen“ waren wir erst in London, dann in Weymouth an der englischen Südküste. Ich war ängstlich, schüchtern & klein und bekam nur am Rande mit, dass nach einem Pub-Besuch ein paar kräftigere unserer Gruppe in eine Schlägerei mit örtlichen Jugendlichen gerieten.

Ich hörte deutlich auf englisch das Gebrüll, dass man jetzt den deutschen Nazis eins auf die Fresse geben werde und rannte weg. Meine erste sehr unmissverständliche Lektion: Du bist Deutscher, ob Du das willst oder nicht (ich wollte nicht). Zwei Jahre später in einer Pariser Jugendherberge: Das ganze Haus voller chilenischer Jugendlicher, die in der Folge des Militärputsches gegen Salvador Allende aus ihrem Land geflohen waren. Jeden Abend wurde zur Gitarre gesungen; traditionelle, politische, auch Liebeslieder aus der chilenischen Heimat. Mein Klassenkamerad und ich sollten auch etwas zum besten geben, und wir sangen Leonard Cohen und Neil Young. „Könnt ihr nichts aus eurer Heimat?“ — „Nee, deutsch singen wir nicht.“ – „Ihr liebt euer Land nicht?“ – „Nein, nicht wirklich.“ – Irgendwie peinlich war das, und es wurde nicht besser, als wir dann wiederum auf englisch „El Condor pasa“ anstimmten.

In meinem Auslandsjahr in den USA 1978 habe ich mich dann zum ersten mal gern in diese mir unangenehme Rolle begeben, Deutscher zu sein. Auf dem Uni-Campus spielten wir ja noch ironisch mit diesen Nationalstereotypen: deutsch = gründlich, pünktlich, Dichter und Denker. Aber als mir auf meinen Ausflügen ins Land Fragen gestellt wurden wie: habt ihr denn auch Farbfernsehen / sind bei euch die Straßen beleuchtet / seit wann dürft ihr denn in den Westen reisen – da merkte ich, dass ich angesichts dieser Ignoranz dann doch ein gutes Gefühl dabei hatte, Deutscher zu sein. Allerdings hab ich gleich auf „Europäer“ erhöht, um diesen Gegensatz von alter und neuer Welt griffiger hin zu kriegen.

Tja. Zwangsläufig kommt die Frage der „Deutschigkeit“ auf Auslandsreisen auf Dich zu, weil sie an Dich herangetragen wird. Ob Du willst oder nicht, solltest Du ein paar schlüssige Antworten haben. Und weil ich es immer noch nicht so ganz genau weiß, höre ich sonntags früh mit wachsendem Erfolg im Deutschlandfunk bekannte Persönlichkeiten über „Denk ich an Deutschland“ sinnieren.

Andreas Döring, langjähriger Redakteur im NDR Studio Braunschweig, arbeitet als freier Autor im Bereich Reisen und Literatur. Er hat in Windhoek Weihnachtssendungen für das deutschsprachige Radio produziert, in Sambia Dorfschulkinder unterrichtet und ist als Literaturlektor auf Expeditionsschiffen gefahren. Seine Reisenotizen hat er exklusiv für uns zu kleinen Geschichten verarbeitet: www.andreasdoering.com

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