Inseln der Stille | Neue Braunschweiger
12. Januar 2019
Menschen

Inseln der Stille

Kolumne von Andreas Döring - Folge 6

Andreas Döring

Das war in New York. Mittendrin. Dort nimmt der Straßenlärm mitunter skurrile Formen an: Krankenwagen-Sirenen klingen wie drei Computer-Baller-Spiele gleichzeitig, vermischt mit dem Signal eines herannahenden Güterzuges. Die New Yorker sind offenbar vom Dauerschall ihres Big Apple so abgestumpft, dass die Akustik-Designer solche surrealen Laute entwickeln müssen, damit die Ambulance überhaupt noch wahrgenommen wird.

Aber auf der anderen Seite gibt es ein bemerkenswertes kommunales Gesetz. Es soll wohl privat wieder ausgleichen, was öffentlich die Trommelfelle strapaziert: 80 Prozent des Fußbodens in jeder Wohnung der Stadt NYC müssen mit Teppich ausgelegt sein, damit der Trittschall die Leute, die darunter wohnen, nicht belästigt (Bei Appartements unter 3000 Dollar Monatsmiete haben diese 80 Prozent dann aber auch nur die Größe einer handelsüblichen Fußmatte). Und wie aus der Zeit gefallen gibt es hier und da kleine Inselchen, kleine entrückte Orte der Ruhe: der Mann mit dem riesigen Akkordeon, der virtuos und voller Gefühl die ganzen Radioklassiker rauf und runter spielt. Er saß keine 300 Meter von der völlig verstopften, überhitzten und eben viel zu lauten 5th Avenue weg im Central Park. Und alle, die an ihm vorbeigingen, lächelten kurz, hörten zwei, drei Minuten andächtig zu und legten dann einen Dollar oder zwei in seinen Kasten. Manche setzten sich auf eine Bank in seiner Nähe, fingen sogar nach einer Weile an, den Kopf im Takt zu wiegen oder sonst irgendwie den Groove aufzunehmen. Da ist sie wieder: die Gewissheit, dass Geschichtenerzähler und Troubadoure dem hektischen Lauf der Welt viel mehr entgegen zu setzen haben als so viele andere. Die gesellschaftliche Wertschätzung von Softwareentwicklern, Versicherungsmathematikern oder ganz schlichten Bankern wird hier in diesen Inseln der Stille wieder ins rechte Lot gebracht. Ars longa, vita brevis. Ich hab dem Mann völlig verdiente fünf Dollar in seinen Kasten geworfen und ihm gesagt, es sei meine schönste halbe Stunde an diesem Tag gewesen.

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