Irisches Silvester

Kolumne von Andreas Döring - Folge 4

Andreas Döring

Nein, nicht Dublin oder Galway, sondern London. Ich wohnte bei Freunden in Wimbledon, der Hausherr lud mich ein, mit Freunden, Bekannten und Familie aus Irland ins neue Jahr zu feiern. Und so hatten wir uns in Schale geworfen und fuhren in ein Viertel, in das es Touristen nicht wirklich verschlägt.

Mein Gastgeber Ian bereitete mich in aller Kürze auf das Kommende vor: „Die meisten Leute hier sind mit acht, neun Geschwistern aufgewachsen und hatten ein Plumpsklo im Garten. Sie haben ihr Leben lang hart gearbeitet hier, weit weg von allem, was sie mit der Heimat verbinden. Und heute Abend stellen sie den Irischen Club auf den Kopf, tanzen wie früher nach der Musik von früher, machen sich mindestens einmal total lächerlich, einige werden sternhagelvoll nach Hause torkeln, aber alle haben den Abend ihres Lebens.“ Na dann mal „Dia Dhuit“ und Platz nehmen an den etwas abgestoßenen Resopal-Tischen, hufeisenförmig aufgestellt, mehrfach anstellen an Büfett und Theke mit Guinness, Kilkenny und unendlich vielen Schnapsflaschen. Die meisten Ladies über 70 trugen Kleider in Giftgrün, Altrosa oder Violett, die Jüngeren waren fast ausnahmslos unanständig tief dekolletiert. Die Männer alle im Anzug, die jüngeren gern mit diesen ganz schlanken Krawatten, die auf Knopfdruck eine kleine Lichtorgel präsentieren.

Zugegeben: Ich hab mich deplatziert gefühlt, aber alle waren so entwaffnend herzlich zu mir, ich war als Ians Gast so selbstverständlich Teil der Irish Community, dass ich gar nicht anders konnte als mit dem glücklichsten Dauerlächeln auch den größten Quatsch mitzumachen. Irgendwann machte sich die Vier-Mann-Kapelle warm, und die hatte noch nicht den ersten Akkord gegriffen, als alle wie vom Blitz getroffen aufstanden und losrockten. Die Band war gnadenlos routiniert und spielte völlig schmerzfrei von Elvis bis Queen. Meistens aber alte Tanztee-Standards. Ich sollte alle Ladies betanzen – das hatte mir Ian aufgetragen, und seine Tante forderte mich ihrerseits unzählige Mal auf, bis sie am Ende, so gegen drei Uhr früh, nur noch schlaff, aber selig an mir hing und mich zum allerletzten Mal fragte, ob ich mich denn auch wirklich amüsiere. „Und wie“, sagte ich, “it’s the time of my life.“ Sláinte!

Wer Anregungen oder Fragen zu der Kolumne hat, der Autor freut sich: „Andreas Döring“ dottoredoering@web.de

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