21. Mai 2022
Buntes

Jim jagt den Silberlöwen

Auszeit vom Alltag: Redakteur Torben Dietrich ist sechs Monate unterwegs

Jim Podlesny am Waldrand auf der Olympic-Halbinsel. Foto: Torben Dietrich

„Welchen Weg wollt ihr gehen? Seid ihr bereit für Abenteuer oder mögt ihr lieber die Mama Goose-Version?“ Jim Podlesny schenkt uns ein herausforderndes Lächeln.

Keine Frage, dann geht es eben hier entlang. Katharina und ich rutschen und hangeln uns die nasse Bergflanke herunter, weichen Fußangeln und peitschenden Sträuchern aus und schlagen uns durch die Wildnis der Olympic-Halbinsel gegenüber von Seattle, im äußersten Nordwesten der USA. Einen Weg gibt es hier nicht, aber wir vertrauen Jim. Vor einer halben Stunde erst haben wir ihn zufällig am Waldrand getroffen und sein Angebot angenommen, uns die unberührte Umgebung und sein Jagdcamp zu zeigen.

„Ich nenne es mein Revier“, sagt Jim, hier gebe es kaum Regeln und erst recht niemanden, der sie kontrolliert. Keiner kennt sich in diesem Bergwald, in diesem Tal besser aus als er. Der 66-Jährige durchstreift diese Gegend seit Jahren und jagt für den eigenen Verzehr. „Eigentlich alles“, sagt er auf Nachfrage. Rotwild, Bären, sogar Raubkatzen. „Bären schmecken ähnlich wie Schwein und Katzenfleisch ist sehr gut für Kinder“, empfiehlt er. Ein Gewehr hat Jim heute nicht bei sich, obwohl er – und wir – damit sicherer wären. Denn ein Silberlöwe hat sich in Jims Jagdgründe geschlichen. „Eine 190 Pfund schwere Raubkatze“ sagt er. Der Silberlöwe jagt hier das Wild, tötet aus Blutdurst und greift sogar Bären an. Seit Wochen ist Jim dem großen Raubtier auf der Spur und liegt in seinem Camp auf der Lauer. Bisher allerdings ohne Erfolg. Wir sehen Kratzspuren des Tieres an einer Douglasie. Rund drei Meter hoch scheint der Löwe seine Vorderbeine hochrecken zu können, um seine Krallen zu wetzen.

Wir kommen an einen flachen, steinigen und eiskalten Fluss. Kein Weg, kein Steg, weit und breit. Stattdessen verbindet ein mächtiger, vom Moos grüner Baumstamm beide Ufer. Er muss schon vor vielen Jahren abgebrochen und an dieser günstigen Stelle herunter gedonnert sein. Jim geht voran, wir folgen. Vorsichtig setzen wir einen Fuß vor den anderen. Eine weitere, ähnliche Stelle folgt, danach geht es durch morastiges Gelände. „Berührt nicht die Teufelsfinger“, warnt er uns eindringlich über die Schulter. „Die bleiben so tief in der Haut stecken, dass sie ein Arzt rausholen muss.“

Vorsichtig pirschen wir vorwärts. Sein Lager hat Jim mitten in der Wildnis aufgeschlagen. Es ist ein Iglu-Zelt, mit Tarnfleck-Planen abgedeckt und geschützt zwischen drei mächtigen Bäumen – in einer Gegend, wo noch nie ein Baum gefällt wurde. Drinnen ist es trocken, er hat hier nur das Nötigste: Gaskocher, Isomatte und Schlafsack, ein paar Küchenutensilien, eine Petroleumlampe und Ersatzmunition. Ganz in der Nähe ist sein Gewehr versteckt, in einem hohlen Baum. „Alle zwei Wochen verlege ich mein Camp, um keine größeren Spuren zu hinterlassen, erklärt Jim. Niemand weiß, dass er hier sein Lager hat. Außer uns jetzt. Jim ist zufrieden, das Innenzelt ist trotz des Regens der letzten Tage trocken geblieben. Morgen schon will er wiederkommen und dann zwei, drei Tage bleiben. Sich auf die Lauer legen und endlich den Silberlöwen erwischen. „Das hier ist mein Revier“, sagt Jim Podlesny.

Über den Autor

Redakteur Torben Dietrich und seine Frau nehmen sich gerade eine Auszeit vom Alltag. Foto: Privat

Vor seiner Auszeit war er Redakteur im JHM Verlag. Jetzt ist Torben Dietrich sechs Monate lang auf Reisen und berichtet in der NB über seine Erlebnisse und Begegnungen.

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