24. Mai 2016
Menschen

Jung, ehrgeizig und voller Pläne

In der Neuen Knochenhauerstraße haben unbegleitete Flüchtlinge ein Zuhause gefunden.

Würde lieber heute als morgen mit dem Studium beginnen: Moaid aus Syrien nutzt jede Minute, um zu lernen. Fotos (3): T.A.

Von Marion Korth, 25.05.2016.

Braunschweig. Moaid hat ein eigenes Zimmer und einen tragbaren Computer. „Frau Schumann hat mir den Laptop geschenkt“, sagt der 18-jährige Syrer.

Sein Zimmer ist seine Studierstube und Frau Schumann seine ehrenamtliche Patin. Von den anderen jungen Flüchtlingen wird Moaid „Professor“ genannt. Sein einziges Ziel: lernen, lernen, lernen.

Es geht ihm alles nicht schnell genug, gern würde er auf die Überholspur wechseln. „Manchmal müssen wir ihn ein bisschen bremsen“, sagt Rosita Ben Attia, die das Haus in der Neuen Knochenhauerstraße, das die Stadt für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge umgebaut hat, leitet.

Die Stadt hat zur Pressekonferenz eingeladen und die jungen Flüchtlinge zeigen, wie sie wohnen, erzählen ein bisschen von sich selbst. Frau Schumann hat Moaid geholfen, einen Kontakt zur TU herzustellen, in dieser Woche hat er dort einen Termin. Alles hängt an der Frage, ob sein Abitur in Deutschland anerkannt wird. Aber bei ihm sieht es gut aus. Ingenieurwissenschaften will er studieren, verbringt jeden Tag zwei bis drei Stunden in der Universitätsbibliothek und liest deutsche Zeitungen.

Moaid ist der junge, ehrgeizige und gut ausgebildete Flüchtling, der seinen Weg bestimmt schnell machen wird. Nicht alle in der städtischen Unterkunft sind so weit wie er, aber die Betreuer sehen jeden Tag, wie die Jungs Fortschritte machen. Nach einem dreimonatigen Sprachkursus geht es weiter in die (Berufs-)Schule. Nach sieben Monaten in Deutschland spricht Kenan schon richtig gut deutsch, führt uns durch das Haus, zeigt sein Zimmer. „Ein schönes Zimmer“, sagt er, dabei hatte er erst noch erzählt, dass ihm an seinem neuen Zuhause eigentlich nichts gefällt: „Ich fühle mich nicht gut, meine Familie fehlt mir.“ Seine Eltern sind geschieden, der Vater noch in Syrien, die Mutter in Dubai, er hofft, sie bald in Deutschland wiederzusehen. Abitur und dann Studium – so stellt er sich die nächsten Schritte vor. Und auch der 14-jährige Sadek träumt davon, bald Abitur machen zu können, um eine gute Arbeit zu finden und sich „bei diesem Land bedanken“ zu können. Radwan aus dem Irak denkt eher an eine Ausbildung.

33 Jungs wohnen in der Neuen Knochenhauerstraße, die meisten von ihnen kommen aus Afghanistan, Syrien, dem Iran und Irak, aus Somalia und Tunesien. Wenn es etwas Wichtiges mitzuteilen gibt, werden sieben Dolmetscher gebraucht. Im Alltag wird dagegen deutsch gesprochen. „Wir haben Freunde gefunden, das Zusammenleben funktioniert gut“, sagt Kenan. Martin Albinus, bei der Stadt zuständig für „besondere Erziehungshilfen“, und Rosita Ben Attia wissen, was „ihren Jungs“ fehlt und würden sich für ihre Schützlinge mehr Kontakte zu deutschen Jugendlichen wünschen. Schon jetzt kommen Studenten, um Nachhilfeunterricht zu geben, überhaupt sei das ehrenamtliche Engagement vorbildlich, aber Begegnungen mit Gleichaltrigen sind rar. Vielleicht fühlt sich ein Verein oder eine Jugendgruppe angesprochen und meldet sich einfach … „Fußball geht immer“, sagt Rosita Ben Attia. Auch ohne viele Worte.

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