29. Januar 2022
Allgemein

Kalt erwischt: Stromkosten steigen

Nach Kündigungswelle allein bei BS-Energy mehrere tausend Kunden in der Ersatzversorgung

Die hohen Strom- und Energiekosten haben uns alle kalt erwischt. Das hat Folgen: Die Preise steigen, Lieferverträge werden gekündigt. Symbolfotos: Pixabay

Braunschweig. Für viele hat das neue Jahr gleich mit einer Strompreiserhöhung begonnen oder gar einer kompletten Kündigung des bisherigen Vertrages. So oder so macht der Blick auf den Stromzähler, auf die sich drehende Scheibe oder immer länger werdende Zahlenkolonnen schwindelig. Warum ist Energie so teuer? Und was können die Verbraucher machen? Tee trinken und eine Strickjacke anziehen? Den Energieversorger wechseln? Die NB fragte nach.

„Die Beschaffungspreise von Strom haben sich seit September 2021 mehr als verdreifacht und verglichen zum Vorjahr rund verzehnfacht“, so beginnt ein Brief, in dem die Tarifanpassung, die genau genommen eine Erhöhung ist, angekündigt wird. Kein Einzelfall. Eine Ausnahme war eher die Ankündigung von BS-Energy, dass der Strompreis auch nach dem Jahreswechsel stabil bleibt. „Kalt erwischt“ hat die derzeitige Entwicklung das Unternehmen dennoch: „Im Jahr 2021 haben wir als zuständiger Grundversorger sehr kurzfristig mehrere tausend Kunden in die Ersatzversorgung übernommen, die von Insolvenzen ihrer jeweiligen Anbieter betroffen waren beziehungsweise deren Lieferverträge einseitig – häufig rechtlich zweifelhaft – seitens der Anbieter gekündigt wurden“, teilt Pressesprecher Lennart Danckert auf Anfrage mit. Betroffen seien Kunden verschiedener Energieversorger, aber auch Kunden von großen Energiediscountern wie Stromio und gas.de.

Nichts überstürzen

Die hohen Preise für Strom und Erdgas sowie die Vertragskündigungen treffen Kunden ebenso wie die örtlichen Energieversorger auf unterschiedliche Weise hart. „Die Aufnahme der zusätzlichen Kunden hat erhebliche wirtschaftliche Belastungen für die Grundversorger zur Folge“, heißt es von BS-Energy. Eine Wahl hat das Unternehmen nicht. „Grundversorger müssen für Energielieferanten einspringen, die ihre Lieferverpflichtungen nicht mehr erfüllen können oder wollen“, betont Unternehmenssprecher Lennart Danckert. „Dies bedeutet, dass diese Energiemengen zu den aktuell historisch hohen Energiepreisen, die ein Vielfaches der Preise des letzten Jahres betragen, beschafft werden müssen. Faktisch tragen Grundversorger damit die wirtschaftlichen Folgen der Insolvenzen beziehungsweise Liefereinstellungen der Energiediscounter.“
Trotzdem zahlen Haushaltskunden in der Ersatzversorgung den Grundtarif und nicht mehr. Ein sofortiger Wechsel in günstigere Tarife ist allerdings nicht möglich: „Wir können aufgrund der aktuellen Marktentwicklung den Sparstromtarif für Neukunden nicht anbieten. Auch ist derzeit ein sofortiger Wechsel in andere Produkte von BS-Energy nicht möglich, da gegenwärtig keine Neukundenprodukte angeboten werden können.“

Deshalb steigen die Preise

Für Strom sind die Treiber des Beschaffungspreises unter anderem der hohe Gaspreis auf den Großhandelsmärkten und der steigende CO2-Preis. Die weitere Preisentwicklung an den internationalen Energiemärkten sei kurzfristig schwer einzuschätzen. Auf nationaler Ebene wird politisch diskutiert, wie die Preise kurzfristig gedeckelt werden können. Beispielsweise indem die EEG-Umlage vorzeitig gesenkt wird.

Viele Beschwerden

Aktuell machen die davonlaufende Energiekosten den Kunden eher Angst. Ärger und Verunsicherung werden bei den Verbraucherzentralen abgeladen. „Erhöhte Abschlagsforderungen, kurzfristiger Lieferstopp oder abgelehnte Neuverträge sorgen aktuell für viele Beschwerden“, teilt die Verbraucherzentrale Niedersachsen mit und kritisiert: „Anbieter geben die Turbulenzen auf dem Energiemarkt direkt an ihre Kundinnen und Kunden weiter.“

Arbeit für die Gerichte

Diese müssten sich jedoch nicht alles gefallen lassen. Auf die steigenden Preise für Strom und Gas würden viele Energielieferanten mit fragwürdigen Methoden reagieren. „Wir gehen davon aus, dass viele Betroffene Anspruch auf Schadensersatz haben, im Zweifel wird das aber wohl gerichtlich geklärt werden müssen“, sagt Tiana Schönbohm, Rechtsexpertin der Verbraucherzentrale Niedersachsen. Auch wenn der Ärger berechtigt sei, sollten Betroffene in Ruhe ihre Optionen prüfen und nichts überstürzen.
Die Verbraucherzentrale Niedersachsen hat die wichtigsten Informationen zur aktuellen Situation des Energiemarkts zusammengestellt unter: https://www.verbraucherzentrale-niedersachsen.de/tipps-energiepreiskrise .

Einige Tipps der Verbraucherberatung

Abschlags- oder Preiserhöhung: Anstatt den Vertrag zu kündigen, ziehen viele Anbieter die Preise kräftig an und erhöhen die Abschlagsforderung. „Aus unserer Sicht ist es rechtswidrig, einfach einseitig die Abschläge zu erhöhen. Betroffene legen am besten Beschwerde beim Energieversorger ein und zahlen ausdrücklich nur unter Vorbehalt“, so die VZN-Expertin Tiana Schönbohm. Die Abschläge eigenständig zu kürzen, davon rät die Rechtsexpertin ab. Das könne zu einer Liefersperre führen und Schadensersatzforderungen des Energieversorgers nach sich ziehen sowie Mahn-, Anwalts- und Verfahrenskosten. Möglich sei auch ein Schufa-Eintrag, was die Suche nach einem neuen Anbieter erschwere.

Kündigung oder Anbieterwechsel: Wer kündigen möchte, sollte dies besser per Einschreiben tun. Zudem sollte für den Streitfall der Rückschein oder das Sendungsverfolgungsergebnis aufbewahrt werden – über einen Zeitraum von vier Jahren. Das gilt auch für E-Mails, Anhänge und sonstige Unterlagen. Am Tag des Übergangs in den neuen Tarif oder in die Ersatzversorgung sollte der Zählerstand abgelesen und der Netzbetreiber sowie neuer und bisheriger Energieversorger über die Höhe informiert werden.

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