Kein bisschen angestaubt: „Turnen ist die Basis für alles“ | Neue Braunschweiger
23. Oktober 2020
Sport

Kein bisschen angestaubt: „Turnen ist die Basis für alles“

Seit 1949 gehört Turnen zum Programm des BTSV – Im Kindertraining werden wichtige Grundlagen gelegt

Gleichgewichtssinn, Beweglichkeit und – Mut. All das fördert das Turnen. Die dreijährige Tabea macht es an der Hand ihrer Mama vor. Fotos: Birgit Wiefel

Wenn seine Zwerge anfangen, sicher und ohne Hilfe über die Bänke zu balancieren, dann fängt Günter Buchheim an zu strahlen. „Wir legen hier die Basis für ein Körpergefühl – und natürlich für die Grundbewegungen aller anderen Sportarten“, ist der 78-jährige Trainer stolz.

Günther Buchheim ist Kopf der Abteilung Turnen im BTSV. Und das seit einer kleinen Ewigkeit. Es gebe zwar keine Leistungsriege, bedauert das langjährige Vereinsmitglied, aber im Turnbereich würde echte Nachwuchsarbeit geleistet. Und die Lust an einer Sportart geweckt, die heute mit so hippen Angeboten wie Streetsoccer, Bouldern oder TikTok-Tanz konkurrieren muss. Kein leichtes Brot.

Turnen: Reine Männersache

Dabei spielte das Turnen einmal eine ganz ganz große Rolle im BTSV. Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Braunschweiger Sportverein Eintracht (so der damalige Name) mit dem TSV Braunschweig zusammengeschlossen. Es dürfe nur einen Verein geben, bestimmten damals die englischen Besatzer. Mit dem T im Namen zog auch das Turnen als Sportart ein. 1946 wurde die Sparte offiziell begründet und ist seit dem 1. April 1949 auch Bestandteil des neuen Namens: Braunschweiger Turn- und Sportverein Eintracht e.V.

Günter Buchheim (Abteilungsleiter Turnen) mit den Übungsleiterinnen Emilia Peinecke (Lehramtsstudentin Englisch/Deutsch, 21), Leonie Böhm (Lehramtsstudentin Mathe/Sport, 22) sowie Celine Wissem (Lehramtsstudentin Mathe/Sport, 21).

In den 1950er-Jahren gab es weit mehr als 600 aktive Mitglieder, die täglich in der Turnhalle der Gauß-Schule trainierten. Sportlicher Höhepunkt war 1956 der Gewinn der niedersächsischen Vereinsmeisterschaft.
Frauen spielten zu diesem Zeitpunkt übrigens keine Rolle, das Turnen im BTSV war reine Männersache. Das änderte sich in den folgenden Jahrzehnten und heute geben die Mädchen sogar den Ton an. Vor allem bei den 11 bis 14-Jährigen. „Die Jungs spielen in dem Alter lieber Fußball, als über einen Bock zu springen“, sagt Günter Buchheim und lacht.

Freude an der Bewegung

Aber nicht nur die Mitglieder haben sich mit den Jahren verändert. Statt Reck, Barren, Schwebebalken oder Pferd werden bei den Kleinen erst einmal Bewegungslandschaften aufgebaut. Die Kleinen – das sind in diesem Fall die Ein- bis Dreijährigen, die Günter Buchheim jeden Mittwoch wie einen Sack Flöhe hütet – eine große Herausforderung, in einem Jahr, das von Corona beherrscht wurde. „Im Frühjahr fiel das Training ganz aus, jetzt im Herbst musste ich die Gruppen teilen. Den Kleinen zur Seite stehen bevorzugt die Eltern – was aber in dem Alter sowieso die Regel ist“, sagt Günter Buchheim über seinen aktuellen Trainingsalltag.

Auch mit Zwangspause – das Turnen in ganz jungen Jahren ist effektiv. Eine schräge Bank hochzukraxeln und dann aus einem Meter herunterzuspringen, dazu gehört Mut. Und den, weiß Buchheim, entwickeln die Kinder schnell, wenn sie regelmäßig üben. „Früher war Elin eher faul, jetzt hat sie wirklich Lust sich zu bewegen“, erzählt eine Mutter begeistert von den Fortschritten ihrer dreijährigen Tochter. Noch deutlich schüchterner ist der zweijährige Bela, der erst einmal vorsichtig in einem Holzrahmen schaukelt und es später seinem großen Bruder gleich tun will, „der ist schon sechs Jahre alt und eine Runde weiter ist“, erzählt die Oma.

Gemeinschaft statt Drill

Beim Training in der Halle am Bültenweg wird eines schnell klar: Turnen im 21. Jahrhundert hat nichts mehr mit dem zackigen, fast militärischen Sport von anno dazumal zu tun. Natürlich erlernen die Älteren Übungsfolgen an den klassischen Turngeräten wie Reck oder Bock. Aber im Vordergrund steht das Gemeinschaftsgefühl, das soziale Miteinander, die Lust an der Bewegung. Nicht der Drill. „Wir führen erst einmal an die Geräte heran“, bestätigt Celina Wissem, die zusammen mit Leonie Böhm und Emilia Peinecke als Übungsleiterinnen Günter Buchheim unterstützen.

Alle drei sind Sportstudentinnen, zwei von ihnen haben als Jugendliche selbst in ihrem Heimatort jahrelang geturnt. Was sie immer wieder fasziniert? „Zu sehen, was die Kinder schon in kurzer Zeit für einen Sprung machen. Wie sie alles entwickeln, was später wichtig ist: Körperspannung, Gleichgewichtssinn, Beweglichkeit“, sagt die 21-jährige Celina.

Über die Serie: 

Eine Legende hat Geburtstag: Der Braunschweiger Turn- und Sportverein von 1895 wird 125 Jahre alt. Ein Grund zum Feiern. Das tun wir mit einem Hochglanzmagazin voller blau-gelber Momente, emotionaler Höhepunkte und unvergessener Meisterschafts-Erinnerungen.
Aber – wir feiern auch den Breitensport. Aktuell sind mehr als 5200 Menschen Mitglied in „ihrem“ BTSV, sie schwimmen und turnen, sie spielen Handball, Hockey oder Basketball.
Das Jubiläumsmagazin ist ab dem 21. November im Zeitschriftenhandel erhältlich. Vorab stellen wir in der NB in loser Folge die verschiedenen Sparten vor, die der Verein – außer König Fußball – noch zu bieten hat.

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