1. September 2015
Menschen

Kein Mann für Autoritäten, Enge und Zwänge

Der Lyriker und Satiriker Thorsten Stelzner präsentiert am 11. September erstmals ein Best-of-Programm im Kulturzentrum Brunsviga.

Thorsten Stelzner vor seiner neuen Vita-Mine. Hier arbeitet er an neuem Material und veranstaltet Kultur im kleinen Rahmen. Foto: André Pause

Von André Pause, 02.09.2015.

Braunschweig. Wenn der Lyriker und Satiriker Thorsten Stelzner am 11. September sein Best-of-Programm in der Brunsviga präsentiert, dann ist das auch eine Danksagung.

„Das Publikum dort hat die Entwicklung vom Lyriker zum Satiriker von der ersten Minute an mitgetragen“, betont der Künstler, und er ist froh darüber.

Ein Abend mit erprobten Texten

Beim jährlich im Frühjahr stattfindenden Satire-Fest im Haus in der Karlstraße gehört Stelzner schon zum Inventar. Jedes Jahr kommt er mit einem neuen Programm, mit komplett neuen Texten. Aus diesem Turnus jedoch wollte er nun einfach mal ausbrechen. „Ich möchte einen entspannten Abend mit einem entspannten Publikum haben, einen, bei dem ich weiß, dass er funktioniert, weil er nur erprobte Texte enthält.“ Deshalb dieses Best-of aus zehn hauptberuflichen Bühnenjahren. Den Löwenanteil werde dabei die Satire ausmachen. Lyriklesungen, so Stelzner, seien von jeher eher etwas für den kleineren Rahmen, jedenfalls nicht unbedingt prädestiniert für einen Abend mit 300 Leuten.

Die Schule war ein heikles Thema

Dass er überhaupt zum Schreiben kam, ist ein kleines Wunder. „Der Deutschunterricht in der Schule hat mich genervt und gelangweilt, und ich war auch nie wirklich gut“, blickt der gebürtige Wolfenbütteler zurück. „Schule, das war für mich insgesamt ein ganz heikles Thema. Da geht es mir so wie Reinhard Mey, der irgendwann mal geschrieben hat: Die beste Zeit in der Schule war die, wo ich Träumen und Ideen nachhing, aus dem Fenster guckte, und dachte, was ihr da macht, interessiert mich nicht.“

Auch der kleine Thorsten wollte dort immer nur weg. Die vorherrschende Melange aus Zwang, Enge und Autorität war seine Sache nicht, und sie ist es bis heute nicht geworden. Damals flog er von gleich zwei Schulen. Am Gymnasium Martino-Katharineum brachte er es einmal auf 26 geschwänzte Schulstunden in einer Woche. „Ein Klassenkamerad hat dann irgendwann mal unser Klassenbuch am Okerufer verbrannt, weil es zu heikel wurde“, kann sich Stelzner ein Lachen nicht verkneifen. Hiernach wurde er nach gnadenvollem Kollegiumsbeschluss Anfang der 80er Jahre mit einem Hauptschulabschluss entlassen.

Die wilden Jahre

Irgendwie habe er diesen Tritt wohl gebraucht, meint er heute. Nachdem die Realschulen der Reihe nach auf die Aufnahme des Rabauken verzichteten, machte er an der Alten Waage die erweiterte mittlere Reife, absolvierte eine Wirtschaftsschule und lernte – nachdem sein Leben ein Vierteljahr beinahe ausschließlich auf dem Bohlweg und im hiesigen Nachtleben stattfand – eine Ausbildung im Großmarkt. Das lag nahe, schließlich machte Vater Otto ebenfalls in Obst.

Die wilden Zeiten hatten sich damit freilich nicht erledigt, was wiederum zu Problemen führte. „Das Schlimme an dieser Arbeit, die mir unglaublich viel Spaß gemacht hat und mit der ich schnell unglaublich weit gekommen bin, war, dass nachts um zwei Uhr Arbeitsbeginn war“, erzählt Stelzner. Nach sechs Jahren Doppelschicht, bestehend aus Feiern im Jolly Joker und Arbeiten im Großmarkt, erfolgte der Wechsel in den Obst- und Gemüseeinzelhandel auch aus gesundheitlichen Gründen.

Von Obst und Gemüse zu Lyrik und Satire

Ende der 80er Jahre gab es eine weitere Orientierungsphase. In knapp anderthalb Jahren Arbeitslosigkeit fing Stelzner an zu schreiben, veröffentlichte in Eigenregie sein erstes Buch, gedrängt und gefördert durch damalige Größen der Braunschweiger Gastroszene. Die auf zwei Jahre Wochenmarktmaloche in Magdeburg folgende Übernahme des väterlichen Obst- und Gemüseladens Vita-Mine am Bültenweg markierte dann den endgültigen Start in die Selbstständigkeit. Dieser ist er bis heute treu geblieben – auch wenn er seit nunmehr 13 Jahren statt Obst und Gemüse ausschließlich Lyrik und Satire an den Mann und an die Frau bringt.
Für seine Frau Silvia, mit der er seit fast 21 Jahren verheiratet ist, sei dieser Weg immer in Ordnung gewesen. „Ich habe ja den Obst- und Gemüseladen gemacht. Da hat sie gesehen, dass ich durchaus bereit bin, für etwas, das mir wichtig ist, viel Kraft und Energie zu opfern. Außerdem war sie immer eigenständig, hatte ihre Ausbildung, ihr Studium und ihren Job. Jetzt lebe ich vom Schreiben, und die Familie lebt vom soliden Einkommen der Gattin“, skizziert Stelzner.

Keine Langeweile

Die drei gemeinsamen Kinder Konstantin, Leonie und Alex sind derweil aus dem Gröbsten raus, studieren bald oder befinden sich auf dem Weg zum Abitur. Die uneheliche Tochter Nadine ist bereits sechsundzwanzig. Von daher waren die Voraussetzungen im April dieses Jahres ideal, um mit der neuen Vita-Mine in der Karl-Marx-Straße an den Start zu gehen, gewissermaßen Stelzners Kreativzentrale. Hier mit einigem Abstand zum Heim in Timmerlah arbeitet er, hier hat er die Kontakte zu Menschen, die ihm außerdem wichtig sind. „Das ist meine Stadt. Das ist das, was ich machen will. Darum auch diese Bude hier, in der ich seit Anfang April nicht einen Tag alleine war. Irgendwer kommt immer. So was ist ein Geschenk“, sagt Stelzner, und wie auf Bestellung tritt sein Weststädter Jugendfreund Ralf Philipps zur Tür rein. Die beiden haben sich seit 30 Jahren nicht gesehen. Entsprechend überschwänglich fällt die Begrüßung aus. Vor seiner Hochzeit hat Thorsten Stelzner seiner Frau ein einziges Versprechen gegeben: Es wird definitiv nicht langweilig. Eine Prophezeiung, die sich in mehrfacher Hinsicht zu bewahrheiten scheint.

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