Keine Nebensache, sondern Chefsache | Neue Braunschweiger
31. August 2013
Tipps

Keine Nebensache, sondern Chefsache

Mehr Hygiene soll resistenten Keimen Nährboden entziehen – Neue Gesetzesvorgaben waren Thema eines Kongresses.

Das Hygienenetzwerk Südostniedersachsen hatte den Kongress in Braunschweig organisiert (v.l.): Rainer Schubert (Gesundheitsplanung Stadt Braunschweig), Netzwerkvorsitzende Dr. Sabine Pfingsten-Würzburg, Dr. Matthias Pulz (Landesgesundheitsamt) und Dr. Wilfried Bautsch (Städtisches Klinikum). Foto: Daniela Nielsen

Von Marion Korth, 01.09.2013

Braunschweig. „Hygiene ist Chefsache“, diese Botschaft ist mittlerweile in vielen Krankenhäusern angekommen, aber noch nicht in allen. Um den Kampf gegen resistente Keime auf breiter Front in Angriff zu nehmen, fand am Donnerstag ein Kongress in Braunschweig statt, zu dem das Hygienenetzwerk Südostniedersachsen „Entscheider“ eingeladen hatte.

Zuletzt hatte der Tod dreier Babys und in der Folge die Schließung der Frühchenstation des Klinikums Bremen-Mitte bundesweit Schlagzeilen gemacht und gezeigt, wie dringlich es ist, gegen die im schlimmsten Fall tödlichen Keime vorzugehen.
Einiges aber hat sich schon getan: Eine neue Gesetzeslage stellt die Krankenhäuser vor neue Aufgaben, indem die Vorgaben des Robert-Koch-Instituts verbindlicher gemacht werden, gleichzeitig stellt der Bund aber auch Fördermittel für die Fortbildung von Hygienefachpersonal zur Verfügung. Dr. Dr. Wilfried Bautsch, Leiter der Mikrobiologie am Städtischen Klinikum und Vertreter des Hygienenetzwerks, wertet es als Fortschritt, dass nun Empfehlungen vorliegen, wie viel Hygienefachpersonal rein rechnerisch auf wie viele Betten kommen muss. Dies zu entscheiden, war bislang Sache des jeweiligen Krankenhauses und von daher auch immer ein Posten, um sparen zu können. Es sei allerdings die Frage, ob durch strengere Hygienevorgaben und damit verbundene Kosten für bauliche Veränderungen und Personalschulung am Ende nicht doch gespart werde, weil Komplikationen und langwierige Folgebehandlungen weniger werden, gab die Vorsitzende des Hygienenetzwerkes, Gesundheitsamtsleiterin Dr. Sabine Pfingsten-Würzburg zu bedenken.
Auffällige Infektionen müssen intern erfasst und zentral in Berlin gemeldet werden. Später sollen diese Zahlen auch öffentlich gemacht werden. Bis dahin ermöglicht der Vergleich der Daten den Krankenhäusern und Stationen zu überprüfen, ob ihr internes Qualitätsmanagement ausreicht oder verbesserungsbedürftig ist.
Das Hygienenetzwerk verfolgt das Ziel, Bewusstsein und Zusammenarbeit über die einzelne Einrichtung hinweg zu schaffen. „Wenn einer einen Fehler macht, dann zahlen das alle“, betonte Dr. Sabine Pfingsten-Würzburg. Keime können verschleppt werden, wenn Patienten vom Arzt ins Krankenhaus überwiesen, von dort vielleicht in ein Pflegeheim wechseln. Deshalb sei es so wichtig, außer den Krankenhäusern auch niedergelassene Ärzte sowie Alten- und Pflegeheime zu erreichen.
Unkritische Antibiotikagaben sowie nachlässige Krankenhaushygiene seien die Hauptursachen dafür, dass Keime entstehen, denen gebräuchliche Antibiotika nichts mehr anhaben können. „Saubere Hände“ heißt eine Aktion, um Ärzte und Pflegepersonal zu ermahnen, auch in der täglichen Eile nicht darauf zu verzichten, vor und nach Patientenkontakten die Hände zu desinfizieren. Einen anderen Ansatz verfolgt die Ratgeberbroschüre „Weniger ist mehr“. Eltern fordern aus Besorgnis um ihre Kinder von Ärzten oft Antibiotika zur Krankheitsbehandlung. „Obwohl das bei einer Mittelohrentzündung gar nichts bringt“, verdeutlicht Dr. Matthias Pulz vom Landesgesundheitsamt.
Der Kongress informierte über die neue Gesetzeslage ebenso wie über die Kostenproblematik, die sich für die Krankenhäuser ergibt, sowie das Krisenmanagement im Ernstfall. Die Experten warnten davor, Auffälligkeiten zu verbergen und unter den Tisch zu kehren. Wilfried Bautsch: „Das Schlimmste ist, zu sagen, wir haben kein Problem.“ Was dann passieren kann, zeigt ebenfalls das Beispiel der Frühgeborenenstation in Bremen.

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