30. April 2022
Buntes

Keine Perspektive in Putins Russland

Auszeit vom Alltag: Redakteur Torben Dietrich ist sechs Monate unterwegs

n Kalifornien lernten die Aussteiger Torben und Katharina die beiden Russen Alex und Marija kennen, die ihrer Heimat den Rücken gekehrt haben. Foto: Torben Dietrich

Stan ist nervös. „With God´s grace, mit Gottes Hilfe, schaffen es Alex und Marija, die US-Grenze zu passieren“, sagt er. Der 72-jährige Architekt aus der Bay Area, der sein ganzes Leben viel gereist ist und regelmäßig Gäste aus aller Welt bei sich zuhause hat, kennt die beiden Russen seit zwei Jahren.

Damals waren sie unterwegs auf einem Roadtrip durch den Westen der USA, als Touristen. Dieses Mal möchten sie länger bleiben, „am liebsten wohl für immer“, glaubt Stan.
Alex und Marija sind Innenarchitekten, beide Anfang dreißig, und kommen aus Kasan, Braunschweigs Partnerstadt in Zentralrussland. Sie glauben nicht, dass sich die politischen Verhältnisse in ihrer Heimat in absehbarer Zeit verbessern werden, der Überfall auf die Ukraine hat beide entsetzt. Jetzt wollen sie alles hinter sich lassen. Ihr neues, selbst designtes Apartment, ihre Hündin, Familie und Freunde. In diesem Moment befinden sie sich in der Luft, im Landeanflug von Istanbul nach San Francisco. Fünf Wochen mussten sie in der Türkei überbrücken und sich impfen lassen, weil der russische Covid-Impfstoff „Sputnik“ in den USA nicht anerkannt wird. Am Nachmittag setzt sich Stan in seinen alten silbergrauen Volvo, um Marija und Alex vom Flughafen abzuholen. Als wir gegen neun Uhr abends immer noch nichts von ihm hören, sinkt auch unsere Hoffnung. Stan tut uns leid, er hat sich sehr auf die beiden gefreut – und für rund 2000 Dollar ihre Flugtickets bezahlt. Den Flug selbst zu buchen, war Alex und Marija aufgrund der Finanzsanktionen gegen Russland nicht möglich. Um halb elf Uhr abends schließlich wird die Haustür aufgeschlossen und wir schauen in drei überglückliche Gesichter. Augenblicklich erfasst auch uns diese Erleichterung. Wir umarmen die beiden fest – Freude verbindet. Später erzählen die jungen Russen, wie sie bei der Einreise stundenlang lang verhört wurden, wie herablassend der Grenzbeamte war.

Statt Ärger erfüllt Alex und Marija aber Freude, gute Laune und großer Optimismus. „Wir werden das schaffen“, ist sich Alex sicher. Beide wollen Stan so schnell wie möglich das Geld zurückzahlen. Wie es nach Ablauf der 30 Tage weitergehen soll, ist aber noch nicht klar. „Wir könnten für euch politisches Asyl beantragen“, schlägt Stan vor. Das Geld für den Anwalt werde er schon irgendwie zusammenkratzen.

Es wird eine sehr lange, fröhliche Nacht, und drei Tage später verlassen Katharina und ich nach zweieinhalb Wochen nun endgültig diese wunderschöne Region, unseren Freund Stan und unsere neuen Freunde Marija und Alex. Als wir vom Hof rollen, ruft Marija noch etwas. „Khoroshey poyezdki!“ Es bedeutet „Gute Reise“ auf Russisch

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