Kolumne: In 80 Zeilen um die Welt

Scharhörn: Insel in der Elbmündung

Seit 2018 gibt es die zweigeteilte Containerunterkunft auf Stahlpfeilern für Nationalparkverwaltung und Vogelwart mit Rundgang und begehbarem Dach. Foto: Tantow

Wir sind unterwegs im Watt. Nach Scharhörn. Hat sich ganz schön rausgemacht, sagt Wolf, der zuletzt vor 30 Jahren dort war. Damals gab es nur einen Sandhaufen, und was heißt dort?

Scharhörn wandert und ist heute eine richtige grüne Insel, die dem Fahrwasser in der Elbmündung immer näherkommt – die kleine Schwester von Neuwerk.

Wir sind mit dem Wattwagen unterwegs von der Nachbarinsel, Heiko fährt, ich sitze auf dem gelben Wagen bei ihm vorn, die anderen ehemaligen Braunschweiger Gaußschüler stimmen das entsprechende Lied an wie einst mit unserem Lehrer Hennes Jäcker. Die zwei sportlichen Damen aus der Vorderpfalz, die sich zu uns gesellen, Journalistin und Buchhändlerin (das passt), sorgen für kurzweilige Konversation während der Sieben-Kilometer-Kutschfahrt. Im Pfahlbau, von dem man den Blick über die Vogelkolonien und weiten Wattflächen bewundert, wohnt derzeit Jan, der uns abfängt.

Lutz Tantow spinnt. Zumindest an dieser Stelle. Der promovierte Literaturwissenschaftler liebt das Reisen – vor allem auf dem Meer – und serviert in der NB in loser Folge Seemannsgarn und wahre Geschichten. Für Rückfragen, Hinweise oder Anmerkungen: tantow-lutz@t-online.de

 

Für ein halbes freiwilliges ökologisches Jahr ist er Vogelwart des Jordsand e.V. und einziger Bewohner von Scharhörn. Er kennt jedes Tier persönlich und kann (fast) alles erklären. Dass seine Insel und Nigehörn von nebenan schon zusammengewachsen sind. Dass dies auch bald schon mit Neuwerk passieren könnte – denn die Wanderinsel hat ihre Richtung geändert. Pioniervegetation ist der Fachbegriff.

Es ist Brutzeit und die 8000 Tiere lassen sich von den acht Menschen nicht aus der Ruhe bringen. Ein Fernrohr ist auf das Wrack der Ondo auf dem gegenüberliegenden Vogelsand ausgerichtet. Jan, der Inselfan mit dem Faible für den Charme der vermeintlichen Isolation, erzählt vom nördlichsten Punkt Hamburgs, der seit dem 13. Jahrhundert als gefürchtete Sandbank bekannt gewesen ist.

Eine richtige Insel sei Scharhörn aber erst seit 1930, als man durch Sandfangzäune und systematische Bepflanzung begann, die Sandbank zu sichern und zu festigen. In den Sechziger- und Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts gab es ernsthafte Bestrebungen, Scharhörn zu einem Tiefwasserhafen auszubauen, mit Damm nach Cuxhaven. Dieser Kelch ging am Watt vorbei! Scharhörn darf außer bei offiziellen Führungen oder nach telefonischer Voranmeldung beim zuständigen Vogelwart nicht betreten werden.

^