Kolumne: In 80 Zeilen um die Welt

Micalvi – die südlichste Hafenkneipe der Welt

Micalvi: Anleger am südlichsten Hafen vor Kap Hoorn. Foto: Tantow/oh

Die Reederei Emil R. Retzlaff in Stettin war dafür bekannt, dass die meisten ihrer Schiffe nach Gottheiten der nordischen Mythologie benannt wurden. So auch Bragi, nach dem germanischen Gott der Dichtkunst.

Bragi war ein Dampfschiff-Frachter und lief 1925 von der unternehmenseigenen Ostseewerft in Frauendorf bei Stettin vom Stapel. Niemand konnte seinerzeit absehen, welches Schicksal dieses Schiff nehmen sollte, das noch heute manchen Seefahrer hoch erfreut.
Nur wenige Jahre nach seiner Indienststellung wurde Bragi von Chile erworben und auf den Namen Micalvi umgetauft. Als Versorgungsschiff diente der Frachter dann über die Kriegszeit hinweg bis ans Ende der 50er Jahre in der chilenischen Marine. Es transportierte Munition zum Schlachtschiff „Almirante Latorre“ und kam überwiegend in der Magallan-Region um Feuerland zum Einsatz.

Lutz Tantow spinnt. Zumindest an dieser Stelle. Der promovierte Literaturwissenschaftler liebt das Reisen – vor allem auf dem Meer – und serviert in der NB in loser Folge Seemannsgarn und wahre Geschichten. Für Rückfragen, Hinweise oder Anmerkungen: tantow-lutz@t-online.de

Dort blieb es auch, als man es 1961 außer Dienst stellte. Seither wird es als Schiffsanleger in Puerto Williams genutzt, dem südlichsten Hafen vor Kap Hoorn. Ob man es glaubt oder nicht: Selbst in diesem unwirtlichen Revier gibt es organisierte Sportschifffahrt, deren Freunde haben Bragi-Micalvi 2007 restauriert und betreiben auf und in dem Schiff den südlichsten Yachtclub der Welt – Micalvi ist sozusagen zum Vereinsheim und Museumsschiff des Marine Sport Club de Yates Micalvi geworden.
Weltumseglern dient der Kahn als perfekte Anlegestelle, Hotel, Restaurant und Aufwärmstelle. Nicht selten kuscheln sich 25 bis 30 Masten rund um Micalvi.

Ein roter Holzsteg mit Geländer, eine Art Bretterverhau als Eingangsportal mit der Überschrift „Ponton Micalvi“ heißt die Besucher von Land willkommen; viele bunte Wimpel und Flaggen des Flaggenalphabets und manch überraschender Drink, den man hier nicht erwartet hätte, begrüßen die Gäste.
Und tatsächlich verirren sich welche dorthin. Künftig soll Malcavi sogar als Stützpunkt für internationale Regatten um Kap Hoorn genutzt werden.

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