Kolumne: In 80 Zeilen um die Welt

Umzüge weltweit

Der Braunschweiger Autor, Erzähler und Journalist Dr. Andreas Döring erzählt in seinen Kolumnen von seinen Reisen rund um die Welt. Foto: oh

Das war Lafayette, Indiana. Ein Kuhkaff mit Uni im mittleren Westen der USA. So wie 80 Prozent der Staaten aus Kuhkaffs bestehen, weitab von den großen Namen Chicago, L.A., New York oder Miami. Diese Geschichte ist alt, aber das alte Amerika wird ja gerade wieder künstlich belebt, und ich glaube, sie ist immer noch stimmig, deshalb erzähl’ ich sie.

Meine frühe Initiation als Europäer. 40 000 Studenten der Purdue University zeigen den knapp 65 000 Einwohnern der Stadt, wo es langgeht. Die Ingenieur-Kaderschmiede erster Ordnung hat mehrere Nobelpreisträger zu bieten. Neil Armstrong hat hier studiert, der erste Mann auf dem Mond, oder auch Ted McCarthy, der Vater legendärer Gibson Gitarren-Modelle. Und jetzt ich – in der völlig bedeutungslosen Fremdsprachenabteilung. Der erste deutsche Austauschstudent bei den Germanisten, dementsprechend exotisch und überall rumgereicht.

Das streng verschulte Unisystem war damals genau das richtige für mich, tagsüber war ich Vorzeige-Stipendiat, nachts habe ich die heftigsten Exzesse jedweder Art knapp überlebt. Drei, vier Jahre lassen die Studierenden hier bis zum Augenstillstand die Sau raus, danach sind sie für den Rest des Lebens brave Mittelschichtler in braven Kuhkaffs. Kurz bevor ich nach drei Semestern die Koffer packte, kam das Angebot der Uni: Bleib doch, young man, in ein paar Jahren bist du Professor und hast eine Karriere vor dir, die in Deutschland von lebenslangen Beamten blockiert ist. Ich hab mir Bedenkzeit ausgebeten. Wollte ich in diesem Land bleiben, in dem inflationär die Fahne gehisst und die Nationalhymne gesungen wurde? In dem ich gefragt worden war, ob es in Deutschland Farbfernsehen gibt? Raus aus Europa, wo jede unscheinbare Dorfkirche doppelt so alt ist wie God´s own country?

Ich hab mich – Überraschung! – dagegen entschieden.
Nur eine Woche später bekam ich dann auch noch ein weiteres Argument frei Haus. Ich wollte Umzugskartons nach Deutschland verschicken und war auf eine Spedition gestoßen, die mit dem Spruch worldwide moving warb, Umzüge weltweit. Als ich anrief, kam die Absage: nee Deutschland geht nicht. Worldwide moving heißt: coast-to-coast innerhalb der USA. Die Welt reicht von der Ost- bis zur Westküste der Staaten. Das ist, glaube ich, bis heute der mentale Kern von let’s make America great again.

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