Krach, der auf die Nerven geht | Neue Braunschweiger
30. August 2013
Natur

Krach, der auf die Nerven geht

Um die Bürger vor Lärm zu schützen, entwickelt die Stadt derzeit einen Aktionsplan.

Von Birgit Leute, 14.08.2013

Züge, Autos, Rasenmäher: Eine leise Stadt gibt es einfach nicht. Damit der Krach nicht mehr, sondern weniger wird, hat die Europäische Gemeinschaft die Länder in die Pflicht genommen. Thomas Gekeler von der Abteilung Umweltschutz der Stadt Braunschweig, erklärt, wie die Vorgaben und die Umsetzung aussehen.

?Laute Städte sind eigentlich nichts Neues. Wer dorthin zieht, weiß im Voraus: Es gibt mehr Krach als auf dem Land. Warum drängen EU und Bund jetzt über die sogenannte „Umgebungslärmrichtlinie“, mehr auf die Lautstärke stärke zu achten?

!Weil der Krach in den vergangenen 30 Jahren enorm zugenommen hat und inzwischen klar ist: Er macht krank.

?Wer sind denn die Hauptschuldigen dafür?

!Wir alle. Fast jede Familie hat inzwischen zwei, manchmal sogar drei Autos. Der Verkehrslärm ist deshalb auch der Hauptgrund dafür, dass unsere Städte immer lauter werden – dicht gefolgt von der Bahn, dem Gewerbe und dem Flugzeug.

?Aber die Industrie steuert doch schon dagegen: bei Flugzeugen zum Beispiel mit „Flüsterriesen“, bei Autos mit leiseren Motoren, einer leichteren Karosserie…

!Das ist richtig. Aber allein die Zunahme an Verkehrsmitteln hebt diese Fortschritte wieder auf.

?Wo soll denn in den Städten künftig die „Schmerzgrenze“ liegen, also wie laut oder wie leise soll oder darf eine Stadt sein?

!Das ist ein bisschen problematisch: Derzeit sind wir vom Gesetzgeber nur angehalten, Lärmkarten zu erstellen: Also herauszufinden: Wo ist es laut, wo ist es leise und wie viele Menschen sind davon betroffen. Was die Grenzwerte betrifft, die uns sagen, ab wann gehandelt werden muss, gibt es nur Empfehlungen. Niedersachsen sagt zum Beispiel: In einem Bereich, wo 100 Menschen pro 100 Meter Straße wohnen, sollte es tagsüber nicht lauter als 70 Dezibel sein, nachts nicht lauter als 60 Dezibel. 70 Dezibel entsprechen ungefähr der Lautstärke eines Rasenmähers, 60 Dezibel einer Unterhaltung in Zimmerlautstärke.

?Sie haben Braunschweig bereits berechnet: Wo ist es denn besonders laut?

!Wir haben 2008 eine Lärmkarte vom kompletten Stadtgebiet, also von 191 Quadratkilometern erstellt und 2012 noch einmal Bewohner und Expertenrunden eingeladen, uns Maßnahmen zur Lärmminderung mitzuteilen. Die jetzt aktuelle Lärmkarte spiegelt übrigens nicht nur den aktuellen Stand wieder, sondern blickt schon einmal in die Zukunft – Verkehrsströme ändern sich durch Baumaßnahmen einfach. Besonders laut ist es im Bereich der A2, der Tangenten, an den Ein- und Ausfallstraßen und am Ring. Hier sind auch besonders viele Menschen betroffen, denn die Häuser stehen dicht an dicht, sind hoch und fast unmittelbar an die Straße gebaut.

?Schlecht für die Bewohner…

!Schon, aber durch diese Art der Bebauung nimmt der Lärm bereits in der Straße dahinter stark ab. Es hat also gleichzeitig Vor- und Nachteile…

?Was unternimmt die Stadt jetzt?

!Zunächst einmal fangen wir nicht bei Null an. Schon seit 1974 gibt es ein Bundes-Immissionsschutzgesetz, das die Bürger schützt, und auf dessen Grundlage zum Beispiel Lärmschutzwände gebaut werden. Außerdem haben wir in den vergangenen Jahren Tempo-30-Zonen und Fahrradstraßen eingerichtet, andere Straßenbeläge verwendet, den Öffentlichen Nahverkehr gefördert. Im Rahmen des sogenannten „Lärmaktionsplans“ – das ist die zweite Stufe nach der Kartierung – haben wir erneut die Öffentlichkeit nach ihren Vorschlägen gefragt. Manchmal deckten sich die Ideen der Bürger mit unseren Ideen und Maßnahmen, manchmal ist es nicht möglich ihre Vorschläge umzusetzen. Über den Ring mit Tempo 30? Das geht nicht. Dann würden Lkw und Pkw in die Wohngebiete ausweichen. Auch leisere Straßenbeläge eignen sich nicht überall; schwere Fahrzeuge würden sie rasch zerstören. Im Übrigen wird 2017 auf europäischer Ebene entschieden, wie mit den Ergebnissen der Lärmkartierungen weiter verfahren wird. Etwa wo Auslöse- beziehungsweise Grenzwerte liegen, und wie neue europaweit identische Lärmbewertungsverfahren aussehen müssen.

?So lange müssen wir warten?

!Nein. Was Braunschweig betrifft, werden die Ergebnisse der Lärmaktionsplanung im August in den Ausschüssen des Rates der Stadt Braunschweig beraten. Durch den Lärmaktionsplan soll künftig noch stärker dem Gedanken der Lärmminderung Rechnung getragen wird. Außerdem sollen die ruhigen Gebiete, wie Parks oder Wälder stärker vor Lärm geschützt werden – da sah der Gesetzgeber bislang keine Grenzwerte vor.

?Haben die Braunschweiger Bürger das Gefühl, sie leben in einer „verlärmten“ Stadt?

!Nein, nicht grundsätzlich. Das zeigen auch die Ergebnisse der Beteiligung. Es gab insgesamt etwa 1100 Ideen und Beiträge, das ist nicht wenig, jedoch gemessen an der Anzahl der rund 250 000 Einwohnern hatte ich mit mehr gerechnet.

Alle Informationen zum Lärmaktionsplan sind unter der Adresse www.braunschweig.de/leben/umwelt_naturschutz/laerm/ zu finden.

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