12. Oktober 2018
Kultur

Kultur in Kriegszeiten: „Grußendorfs Lessingbund“

Ein erstaunliches Stück über Braunschweiger Kulturgeschichte ­ – Premiere am 26. Oktober im Gliesmaroder Thurm – Karten unter 79 83  98

Das Ensemble des Theaters Zeitraum (v. l.) Jürgen Beck-Rebholz, Kathrin Reinhardt, Friederike Kannenberg und Gilbert Holzgang lässt in „Grußendorfs Lessingbund“ 40 Figuren der Zeitgeschichte aufleben. Foto: Uwe Präkelt / Theater Zeitraum

Braunschweig. Die Schlacht an der Somme in Frankreich tobt schon seit Monaten, und im Oktober 1916 versucht die französische Armee, mit einer Großoffensive die Deutschen in Verdun zu besiegen. An allen Fronten geht das Sterben weiter. Daheim in Deutschland hungern die Menschen. Hermann Grußendorf ist zu diesem Zeitpunkt 25 Jahre alt, und tut, was er für lebensnotwendig hält, er regt die Gründung eines Kulturvereins, des Lessingbunds, an.

„Kulturleben, das war für ihn Nahrung“, versucht Dramaturg Gilbert Holzgang eine Erklärung. Die Menschen litten unter den Rationierungen, aber wenigstens an geistiger Erbauung sollte es ihnen nicht mangeln. Drei Mark kostete die Eintrittskarte für den Schriftstellerabend mit Heinrich Mann im Parkhotel. Auch der russische Maler Wassily Kandinsky hielt einen Vortrag, und in einem vornehmen Patrizierhaus am Bohlweg zeigte der Lessingbund in eigenen Ausstellungsräumen moderne Kunst. „Phantastisch“, fasst Holzgang zusammen, was Grußendorf in Braunschweig kulturell bewegt hat. Er hat in Archiven gestöbert, Fotos zusammengetragen, mit einer Tochter Grußendorfs persönlich gesprochen, ein Herzfehler und die Tatsache, dass „er sehr schlecht sah“ bewahrten ihn vermutlich vor dem Fronteinsatz.
Doch es ist erstaunlich genug, dass die Idee des Theaterbegeisterten im Kriegsgetöse überhaupt Gehör findet, aber genau das passiert. Getragen von Fabrikanten und dem Großbürgertum, sicher auch von jüdischen Familien, wie Holzgang vermutet, mehren sich die großen Namen im Veranstaltungsprogramm.

Eine erstaunliche, eine mutmachende Geschichte. Eine Geschichte, die das Ensemble des Theaters Zeitraum nun, mehr als 100 Jahre später, auf der Bühne noch einmal erzählt – zu sehen ab dem 26. Oktober im Theatersaal der Gaststätte Gliesmaroder Thurm.

„Grußendorfs Lessingbund“ ist der (erfolgreiche) Versuch, im Zusammenspiel der verschiedenen Vereine und Initiativen das Geistesleben in Braunschweig anzukurbeln Gilbert Holzgang hat für das Theater Zeitraum Grußendorfs Geschichte und die seines Vereins recherchiert und mit Förderung des Kulturdezernats der Stadt für die Veranstaltungsreihe „Vom Herzogtum zum Freistaat – Braunschweigs Weg in die Demokratie (1916-1923)“ für die Bühne bearbeitet. Ein Großauftrag – in jeder Hinsicht. Gemeinsam mit drei professionellen Schauspielern und Sängern lässt Gilbert Holzgang 40 Personen der Zeitgeschichte aufleben. „Unsere aufwendigste Produktion“, sagt er. Eine auch mit Zwischentönen. Über die Jahre verändert sich das Kulturprogramm des Lessingbunds. Gilbert Holzgang notiert „das langsame Aufkommen völkischer Töne.“

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