Kunst – für alle erlebbar gemacht

Regina Schultz ist für den Deutschen Engagementpreis 2018 nominiert

Eine Geschichte zum Gemälde entsteht: Regina Schultz (stehend) leitet die Runde behutsam und mit viel Einfühlungsvermögen. Foto: Jaqueline Arend

Innenstadt. Regina Schultz beugt sich ganz dicht zu Helge heran und wartet geduldig, was er sagen möchte. Er flüstert und sie ermutigt ihn: „Sag’s ruhig lauter!“. Dann wiederholt sie für alle, was Helge gesagt hat: „Erwin im Wunderland“.
So soll die Geschichte heißen, die er und die anderen Teilnehmer gerade gemeinsam erfunden haben. Ein schöner Titel, finden alle. Es gibt Applaus. Helge strahlt.
Helge hat das Down-Syndrom. Auch Katja, Horst, Jochen und Waltraut haben eine geistige Beeinträchtigung. Sie alle sind Teilnehmer des Projektes „Augen – Blick – mal! Hingeschaut! Hingehört! Mitgemacht! – Kreatives Geschichten erzählen vor alter Bilderkunst im Herzog Anton Ulrich-Museum.“
Bei diesem Konzept geht es um die kulturelle Bildungsteilhabe von Menschen mit geistiger Behinderung. Das Projekt ist inzwischen für den Deutschen Engagementpreis nominiert.

Seit Anfang 2017 setzt Regina Schultz „Augen – Blick – mal!“ in Kooperation mit dem HAUM und der Stiftung Neuerkerode mit großem Erfolg und guter Resonanz um.
Dass das Gemälde, vor dem sie im Halbkreis sitzen, „Mars und Venus“ heißt, ist für Horst, Katja und die anderen Nebensache. Ebenso wer es gemalt hat oder aus welcher Zeit es stammt. Sie haben einen anderen Zugang zur Kunst, sehen das Bild mit ihren eigenen Augen, bewerten es nach ihren Lebenserfahrungen.
Da werden aus Mars und Venus eben Erwin und Maria, einer der Engel heißt Volker. Erwin hat Rehe gejagt und ruht sich nun aus, Maria kümmert sich um die Engel. Waltraud stört sich an den vielen „Nackedeis“ im Gemälde: „Das ist nicht schön, nicht modern, man muss was anziehen.“

Jeder Beitrag aus der Runde wird notiert. Dafür, dass nichts verloren geht, sorgen die „Echoer“, die hinter den Teilnehmern sitzen. Sie engagieren sich ehrenamtlich für das Projekt, fungieren reihum als Geschichtenschreiber, heute schreibt Heidrun. „Alles, was ihr sagt, ist richtig, alles was ihr sagt, ist wichtig!“ – das hat Regina Schultz zu Beginn klar gestellt. Und so fließt alles, was gesehen und benannt wird, in die Geschichte ein.
Regina Schultz leitet die Runde behutsam und mit viel Einfühlungsvermögen. Sie geht nach der „Time-Slips“(deutsch: Zeitfetzen)-Methode vor, ist dafür als qualifizierte Moderatorin zertifiziert. Anhand eines Leitfadens stellt sie offene Fragen, knüpft dabei immer an die Beiträge der Teilnehmer mit kognitiver Beeinträchtigung an.
Ihr Projekt, dem sogar überregionale Anerkennung zu Teil werde, sei nicht nur für das Herzog-Anton-Ulrich-Museum, sondern auch für die Stadt Braunschweig und für die Region ein Gewinn, bescheinigt der Abteilungsleiter Museumspädagogik des HAUM, Dr. Sven Nommensen, Regina Schultz.

Die heutige Geschichte ist fertig erzählt, alles wurde notiert. Im Anschluss gehen alle gemeinsam noch zu Haertle, ins „Erzählcafé“ – auch das gehört fest zum Konzept. Bevor alle aufbrechen fragt Horst noch, wie der Maler selbst sein Bild eigentlich betitelt hat. Teamerin Elke erzählt von Mars und Venus, dem Kriegsgott und der Göttin der Liebe. Waltraud bleibt dabei: „Sie sollten trotzdem etwas anhaben“.

Infos zur Abstimmung

Regina Schultz ist Trägerin des SoVD-Inklusionspreises 2017 und wurde mit ihrem Projekt „Augen – Blick – mal! Hingeschaut! Hingehört! Mitgemacht! – Kreatives Geschichtenerzählen vor alter Bilderkunst im Herzog Anton Ulrich-Museum“ jetzt auch für den Deutschen Engagementpreis 2018 nominiert. Die Abstimmung läuft noch bis zum 22. Oktober unter www.deutscher-engagementpreis.de/publikumspreis – als Suchwort einfach „Braunschweig“ eingeben.

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