29. Mai 2021
Menschen

„Lasst uns einfach mal reden“

Was wünschen sich Migranten heute? – In dem Projekt MIT³ fragt das Haus der Kulturen nach

Stellten das Projekt M³ vor (v.l.): Samuel Loos (Ländliche Erwachsenenbildung), Ishak Demirbak (Vorstand Haus der Kulturen), Teilnehmer Fabien Diffe Kamga (Studierender an der HBK) und Cristina Antonelli-Ngameni (Leiterin Programmbereich Haus der Kulturen).  Foto: Birgit Wiefel

Braunschweig. Mit einem Handkoffer reisten sie damals an. Heute gibt es Vereine, Stadtfeste und Familienangebote. Es wurden Wohnraum geschaffen und politische Gremien eingerichtet. Seit 50 Jahren sind Einwanderung und Integration zentrale Themen in Braunschweig. Ein guter Zeitpunkt für eine Bestandsaufnahme, findet das Haus der Kulturen und hat eine Diskussionsreihe angestoßen: „MIT³ – Reden, Mischen, Gestalten“.

Die Fragen dahinter: Werden die alten Konzepte noch gelebt? Gibt es ihn noch – den berühmten kurzen Draht zur Politik? Und kennen alte und neue Zugewanderte die Gremien wie den Ausschuss für Integrationsfragen überhaupt? Fühlen sich jüngere Migranten, die dritte Generation der einstigen „Gastarbeiter“ von den Angeboten wirklich angesprochen oder werden diese an ihnen vorbeigeplant?

„Mutig. Und spannend“, sagt Cristina Antonelli-Ngameni, Programmverantwortliche vom Haus der Kulturen, über die erste Halbzeit seit dem Kick off im November. Mutig deshalb, weil Workshops und Gespräche zwar unter einem Leitthema ständen, aber ansonsten vollkommen ergebnisoffen stattfänden. Spannend, weil vor allem durch die jüngeren Zugewanderten viele neue Ideen auf den Tisch kämen. „Wir gehen dafür raus. Sehen uns Orte wie das Mehrgenerationenhaus oder das Haus der Talente an, wollen mit Politikern ins Gespräch kommen und haben Experten für Vorträge eingeladen“, sagt Antonelli-Ngameni.

„Denk deine Stadt“ von und mit Einwanderern, also. Antonelli-Ngameni nickt. „Und im besten Fall machen nicht nur die mit, die sich ohnehin schon seit Jahren engagieren, sondern auch diejenigen, die bislang am Rand stehen.“
Jemand, der sich besonders viele Gedanken gemacht hat, ist Fabien Diffe Kamga. Ja, sagt der Kunststudent der HBK, das Kufa-Haus oder das Haus der Talente – das sei schon der richtige Ansatz. Sie ließen Platz für Kreativität. Aber er wünscht sich noch mehr Orte, an denen man experimentieren kann, wo Menschen miteinander ins Spiel und ins Gespräch kommen und nicht gleich ein „Programm“ stattfinden muss. „Ein rotes Sofa zum Beispiel, das immer in einem anderen Stadtteil steht und als offener Treffpunkt dient. Oder eine Schreibmaschine, ein schwarzes Brett, auf dem man seine Gedanken und Wünsche formulieren, sich manifestieren kann.“

Außerdem wäre es gut, wenn für Neueinwanderer die Orte, die für sie wichtig sind sichtbar machen würde – etwa über eine App. „Ich wusste gar nicht, wo ich hingehen kann“, erzählt Fabien von seinen eigenen Anfängen.
„Raus aus der Angebotsfalle“, fasst Samuel Loos von der Ländlichen Erwachsenenbildung ein Ergebnis der ersten Vorträge und Workshops zusammen. Und hofft, im Jahr der Kommunalwahlen auf offene Ohren bei Politikern zu stoßen. „Im besten Fall findet Teilhabe statt, ohne dass immer darüber gesprochen wird. Sie passiert dann einfach.“

Mit dem Pilotprojekt M³ spielt Braunschweig im Moment eine Vorreiterrolle. Es findet in Kooperation mit samo.fa, der Landeserwachsenenbildung und Kulturton statt und wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert. Wer Interesse hat, kann gerne mitmachen. Zum Beispiel bei der Demokratietour am Freitag, 4. Juni, um 17 Uhr. Alle Infos unter www.hausderkulturen.de.

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