Letzte Frage: Warum eigentlich reisen? | Neue Braunschweiger
7. März 2020
Kulturelles

Letzte Frage: Warum eigentlich reisen?

"In 80 Zeilen um die Welt", Vol. II, Letzte Folge (10): Kolumne von Andreas Döring

Am Haidersee in St. Valentin. Foto: Döring/oh

„Wo Du immer hinfährst! Das wär mir zu aufregend. Mir reichen Norderney, Gardasee & Co.“ Fünf Ex-Gaußschüler mit viel Bier & Whisky auf Segeltörn im Mittelmeer: ausreichend aufregend. Und philosophieren über den Sinn des Reisens. „Komm, lass ma Dein Doktor raushängen! Hast doch über Reisen geschrieben.“

Also gut, fürs Protokoll: „Geht nicht nach draußen auf die Märkte, sondern kehrt in Euch – die Wahrheit wohnt im Innern des Menschen“ – sagte Kirchenvater Augustinus. Kann man durchaus als Absage ans Reisen verstehen.

Die Gegenmeinung heißt: „Der kürzeste Weg zu Dir selbst führt einmal um die Welt“ – ein Zitat, das dem Philosophen Hermann Graf Keyserling zugeschrieben wird.
Irgendwie ist beides richtig, es kommt drauf an, was man denn aufsucht in der Welt und warum. Biblisch gesprochen: allen, die an fremde Türen klopfen, wird zwar aufgetan, aber nicht jeder weiß zu schätzen, was sich dahinter offenbart.

Grundsätzlich gibt es zwei Türklopfertypen. Der eine hat ein unverrückbares Weltbild und sehr genaue Vorstellungen davon, was sich hinter der Tür befindet. Und egal, was sich ihm zeigt, er baut es so in sein Weltbild ein, dass es bleiben kann, wie es ist. Der andere Türklopfertypus kommt nach dem Öffnen der Pforte aus dem Staunen nicht mehr raus und ist jedes Mal ein etwas anderer – auch auf die Gefahr hin, dass er sich immer wieder verliert.

Beide können grundsätzlich nicht aus ihrer Haut, denn jetzt kommt Ernst Blochs viel strapazierter Satz ins Spiel: „Man nimmt sich mit, wohin man geht.“
Soviel zur hehren Theorie. Das ist natürlich alles meilenweit weg vom heutigen Manteltarif-Erholungsurlaub (nach Ausfüllen einer Fehlzeitenmeldung!) in standardisierten Club-, Event- oder Wellness-Locations mit täglicher Gratisflasche Wasser aufs Zimmer (pro Person). Aber na klar: jeder nach seiner Fasson. Reisen bildet, auch wenn man die Anlage zwei Wochen lang nicht verlässt.

Und apropos Norderney & Gardasee: Ich fahre seit 1987 jedes Jahr für eine Woche nach St. Valentin im Obervinschgau, Südtirol. Zum Leidwesen meiner Freundin, die immer drängelt, doch noch zwei Tage woanders dranzuhängen. Nö! Ich kenne da jeden Weg, jeden Kuhstall, jede Pizza. „Seits wieder do – wie immer?“ werden wir nach einem Jahr Pause begrüßt und der Aperol hat sich kein bisschen verändert. Home away from home – es gibt keine wohligere Hygge.

Der Braunschweiger Autor, Erzähler und Journalist Dr. Andreas Döring erzählt in seinen Kolumnen von seinen Reisen rund um die Welt. Foto: oh

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