Lost and Found (und Gin Tonic)

Kolumne von Andreas Döring - Folge 6

Andreas Döring

Das war in Ha Giang im Hochland Nordvietnams, ziemlich genau um 2.30 Uhr früh mitten auf einer Fernstraßenkreuzung am Ortsausgang. Stockfinster, kein Auto, kein Mensch, kein Laut. Eine Frau, zwei Koffer und einen Rucksack neben sich, führt urplötzlich eine atemberaubende Veitstanz-Choreografie auf, schreit nach Leibeskräften, tritt gegen die Koffer, schmeißt eine volle Wasserflasche wieder und wieder auf den Asphalt, sackt schließlich wimmernd zusammen, springt dann wie verwandelt auf und verschwindet im Militärschritt in einem noch beleuchteten Hostel.

Meine Freundin Sandra, nachdem ich kleinlaut festgestellt hatte, dass mein Rucksack irgendwie nicht mehr bei mir ist. Der Nachtbus hatte uns wenige Minuten vorher hier unwirsch ausgesetzt und war längst wieder in der Tiefe der Nacht verschwunden. Das sind diese Momente, in denen bei Adrenalinhöchststand sämtliche Szenarien für die nächsten drei Tage in Sekundenschnelle abgescannt werden – und alle führen sie in die Ausweglosigkeit. Sämtliche Papiere weg, nur noch 20 Dollar auf Tasche, Handy mit allen nützlichen Nummern … bestenfalls bei der deutschen Botschaft ist dann Ende Gelände. Aber es ging gut aus: schon nach 20 Minuten quietschte der Busfahrer – noch schlechter gelaunt als vorher schon – vor dem Hostel und schmiss meinen Rucksack raus. Der Rezeptionist hatte Sandras Flehen mit einem achselzuckenden ‘No Problem’ beantwortet und die richtigen Handynummern gewählt. Die Erleichterung haben wir danach in purem Gin ertränkt. Tonic war nicht mehr zu beschaffen. Oder Windhoek in Namibia. Beim allerersten Geldabheben hab ich die komplette Brieftasche liegen lassen. Zwei Stunden später sagte unsere Gastgeberin: ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht. Andreas hat alle Papiere und Karten liegen lassen, aber der Finder hat gerade angerufen. Wir können alles in seinem Hotel abholen. Nichts lieber als das! Der Mann war auf Geschäftsreise, hatte in meinen Unterlagen nach einem Kontakt gesucht und war auf die Nummer unserer Gastgeberin gestoßen. Finderlohn wollte er nicht, aber Gin, diesmal mit Tonic, war er nicht abgeneigt. Irgendwas wacht über mich. Ein Schutzengel oder Hermes höchstselbst. Ich bin sehr dankbar.

Am Montag (21. Januar) startet um 18 Uhr Dörings Lesereihe „In 80 Zeilen um die Welt“ in der Jakob-Kemenate. Wer Anregungen oder Fragen zu der Kolumne hat, der Autor freut sich: „Andreas Döring“ dottoredoering@web.de

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