2. April 2022
Menschen

Malochen für die „Drushba-Trasse“

NB-Leser Gerold Pinkert baute Mitte der 1970er-Jahre an einer Gaspipeline in der Südukraine mit

NB-Leser Gerold Pinkert baute Mitte der 70er Jahr an einer Gaspipeline in der Ukraine mit. Jetzt kommen die Erinnerungen zurück. Foto: Gerold Pinkert / privat

Braunschweig. Diese Bilder. Gerold Pinkert fällt es im Moment schwer, Nachrichten zu sehen. Der NB-Leser war von 1975 bis 1976 und dann noch einmal 1978 in der Ukraine, packte beim Bau einer Pipeline an, die Deutschland noch heute mit Gas versorgt. „Beim Anblick der zerbombten Städte und Dörfer im Süden, läuft mir ein Schauer über den Rücken. Ich kenne das alles noch“, erzählt er beim Telefongespräch.

Gerold Pinkert. Foto: Privat

Rückblick: Mitte der 1970er Jahre schob die damalige Sowjetunion gemeinsam mit anderen Staaten des Ostblocks ein Großprojekt an: Eine fast 3000 Kilometer lange Erdgasleitung von Orenburg nach Uschgorod.
Auch die damalige DDR war mit im Boot: Tausende FDJler bauten an einem rund 550 Kilometer langen Abschnitt im Süden der Ukraine – mittendrin Gerold Pinkert. „Ich war damals 25 Jahre alt und hatte mich als Kraftfahrer beworben“, erinnert sich der gebürtige Brandenburger. Allein das Auswahlverfahren dauerte fast zwei Jahre, „als ich schließlich genommen wurde, war ich selig.“
Für den jungen Mann begann das Abenteuer seines Lebens. Statt Ostsee oder Ungarn hieß das Ziel jetzt Osteuropa. 2000 Kilometer von zu Hause, unbekanntes Land, „das war enorm aufregend“, sagt Pinkert.
Längs der „Drushba-Trasse“ – der „Trasse der Freundschaft“ wie der DDR-Abschnitt auch genannt wurde – entstanden ganze Barackensiedlungen, in denen die Monteure wohnten und versorgt wurden. „Viele Nationen des ehemaligen Ostblocks bauten damals an der Pipeline mit, aber wir hatten wenig Kontakt untereinander“ sagt Pinkert.

Mit dem Pferdefuhrwerk kam man besser über die unbefestigten Straßen als im Bus, der im Schlamm steckenblieb. Foto: Gerold Pinkert / privat

Der Einsatz war hart. Zwölf Stunden dauerten die Schichten, aber die Malocherei wurde sehr gut bezahlt. Gerold Pinkerts Job war es unter anderem, die Kollegen zum Einsatzort und zurück zu fahren. Bei seinen Einsätzen machte er heimlich Fotos der Pipeline, was eigentlich verboten war.
„Was uns am meisten beeindruckte: Wie arm die Ukraine damals war. Viele Dörfer hatten keine befestigten Straßen, sondern Feldwege, die sich bei Regen in Schlamm verwandelten.“ Die Bauernhäuser seien nur mit Stroh gedeckt gewesen, das Wasser aus einem gemeinschaftlichen Ziehbrunnen gekommen. „Dennoch waren die Ukrainer überaus freundlich und hilfsbereit – vor allem, wenn wir uns mit den Lkws und Bussen mal wieder festgefahren hatten und sie uns mit Traktoren aus dem Schlamm zogen.“
Die Weite, das Ursprüngliche, dazu die langen strengen Winter – das kannte man nicht in der DDR. 1978 war Pinkerts Arbeitseinsatz endgültig zu Ende. Noch einmal hingefahren ist er nie. 1992 kam er nach Braunschweig, arbeitete erst als Kraftfahrer für einen Entsorger in Salzgitter, dann als Taxifahrer. Seit acht Jahren ist Gerold Pinkert in Rente. Wenn er die Bilder im Fernsehen sieht wird er traurig. „Es ist eine Schande, was da mit diesem wunderschönen Land passiert.“

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